Konflikt zwischen Indien und China spitzt sich zu

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Seit Jahrzehnten streiten sich Asiens aufstrebende Großmächte Indien und China darüber, wo genau die Grenze zwischen ihren Territorien im Himalaya verläuft.
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Asiens aufstrebende Großmächte streiten sich: Es kommt zu gewaltsamen Scharmützeln an der Grenze und zu Konflikten um Investitionen. Nun mischt sich auch Donald Trump ein.

Bangkok Mitten im Himalaya droht ein bewaffneter Konflikt zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt: 4000 Meter über dem Meeresspiegel stehen sich derzeit Tausende Soldaten Indiens und Chinas gegenüber. Die Staaten werfen einander vor, mit Truppen in das Gebiet des jeweils anderen eingedrungen zu sein.

Nach zwei gewaltsamen Scharmützeln mit mehreren Verletzten rüsten die beiden Länder nun entlang der umkämpften Grenze auf. Die Sorge vor einer Eskalation ist auch im Westen groß: US-Präsident Donald Trump spricht von einem „tobenden Disput“ – und bietet sich via Twitter als Vermittler an.

Kleinere Auseinandersetzungen zwischen indischen und chinesischen Truppen sind nichts Neues: Seit Jahrzehnten streiten sich Asiens aufstrebende Großmächte darüber, wo genau die Grenze zwischen ihren Territorien verläuft. Doch Beobachter sehen den aktuellen Konflikt als gravierende Zuspitzung – auch wegen der ungewöhnlich großen Zahl an entsandten Soldaten.

Die Konfrontation im Gebirge ist dabei nicht das einzige Zeichen für zunehmende Spannungen zwischen den beiden Ländern: Zur Verärgerung der Regierung in Peking schloss sich der indische Premierminister Narendra Modi zuletzt auch der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung des Coronavirus-Ausbruchs in China an. Er will zudem mit neuen Vorschriften, die offensichtlich auf Investoren aus China zielen, auch den wirtschaftlichen Expansionskurs der Volksrepublik eindämmen – und sorgt damit im Nachbarland für Empörung.

Der Versuch Indiens, China wirtschaftlich stärker in die Schranken zu weisen, erfolgte kürzlich, wenige Tage nachdem bekannt worden war, dass Chinas Zentralbank Anteile an dem großen indischen Kreditinstitut HDFC übernommen hatte. Nach den neuen Regeln brauchen chinesische Investoren, die sich an indischen Unternehmen beteiligen wollen, künftig erst eine Genehmigung der Regierung in Neu-Delhi.

Die von der Modi-Regierung verhängten Bestimmungen gelten zwar offiziell für alle Nachbarländer Indiens – es besteht aber kein Zweifel, dass sie sich primär an China richten. Die chinesische Botschaft in Indien kritisierte die Entscheidung als diskriminierend und beklagte einen Verstoß gegen Vorschriften der Welthandelsorganisation. Indien schade sich mit dem Vorgehen nur selbst, kommentierte die chinesische Staatszeitung „Global Times“.

Provokationen und verstörendes Verhalten

Premier Modi zeigte sich davon unbeeindruckt. Obwohl China sowohl militärisch als auch wirtschaftlich Indien weit überlegen ist, glaubt Modi, dass es sich für sein Land lohnt, China Paroli zu bieten. Dabei dürfte auch eine Rolle spielen, dass er auf die Unterstützung der USA hoffen kann.

Modi zeigte sich zuletzt mehrfach an der Seite von US-Präsident Trump in betont freundschaftlicher Atmosphäre. Es ist aber nicht nur der persönlich gute Draht zu Amerika, auf den sich Modi verlassen kann. Die USA sehen Indien auch ganz offiziell im Zentrum ihrer Indo-Pazifik-Strategie, mit der die Amerikaner einen Gegenpol zu China in Asien schaffen wollen.

Trumps Angebot, als Vermittler im indisch-chinesischen Grenzkonflikt aufzutreten, kann vor diesem Hintergrund nicht besonders ernst genommen werden. Auch angesichts der zahlreichen Konflikte des US-Präsidenten mit der chinesischen Regierung dürfte er wohl keineswegs als neutraler Dritter gesehen werden.

Und auch Beamte seiner Regierung bezogen in dem Fall bereits klar Position: Die Auseinandersetzungen seien eine Erinnerung daran, dass Chinas Aggressionen nicht nur rhetorisch seien, sagte Alice Wells, Leiterin der Süd- und Zentralasienabteilung des US-Außenministeriums. „Sowohl im Südchinesischen Meer als auch an der Grenze zu Indien sehen wir Provokationen und verstörendes Verhalten Chinas, das die Frage aufwirft, wie China seine wachsende Macht nutzen will.“

Indien hatte China zuvor vorgeworfen, seine Truppen an regulären Patrouillen entlang der De-facto-Grenze gehindert zu haben. Bei einem Zusammenstoß zwischen den beiden Seiten kam es Medienberichten zufolge Anfang Mai zu Faustkämpfen und Steinwürfen – Soldaten auf beiden Seiten wurden zum Teil schwer verletzt. Wenige Tage später wiederholte sich ein ähnlicher Vorfall an anderer Stelle.

Eine Auseinandersetzung mit Schusswaffen blieb bislang aus. Die militärische Präsenz am Rande der indischen Region Ladakh stieg aber stark an. Indischen Behörden zufolge soll die chinesische Volksbefreiungsarmee ein Zeltlager mit bis zu 100 Zelten auf ihrer Seite der De-facto-Grenze und Dutzende weitere Zelte auf der indischen Seite errichtet haben. Satellitenbilder sollen zudem chinesische Militärfahrzeuge zeigen. Ein derartige Aufrüstung der chinesischen Armee an der Grenze ist aus Sicht von Beobachtern eine neue Entwicklung.

Die genauen Hintergründe der Strategie sind unklar. Es wird aber vermutet, dass China mit dem Militäreinsatz womöglich ein Gegengewicht zu kürzlich fertiggestellten indischen Infrastrukturprojekten in der Grenzregion schaffen möchte. Chinas Außenministerium teilte diese Woche lediglich mit, es gehe China darum, seine territoriale Souveränität sicherzustellen. Im Moment sei die Situation an der chinesisch-indischen Grenze „stabil und kontrollierbar“.