Zweifel an Chinas Sieg über Corona

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Arbeiter in der Honda-Autofabrik halten in der Mittagspause streng den Sicherheitsabstand ein
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Das chinesische Wirtschaftswachstum hat nach dem Abflauen der Epidemie absolute Priorität. Die Pekinger Führung will Zuversicht verbreiten. Experten befürchten jedoch, bestehende Gefahren könnten unterschlagen werden.

Am 4. April wird in China das Totengedenkfest gefeiert. Die Angehörigen der Verstorbenen fegen die Gräber, bringen Blumen und verbrennen sogenanntes Totengeld, damit die Vorfahren auch im Jenseits „flüssig“ bleiben. Doch in diesem Jahr wird das Fest von der Virus-Epidemie überschattet, denn es bestehen weiterhin teilweise Ausgangssperren und Versammlungsverbote.

Dennoch ist die Lage in China inzwischen entspannter. Die Anzahl der Neuinfektionen nimmt weiter ab. In der zentralchinesischen Provinz Hubei, wo die ersten Fälle von COVID-19 Ende Dezember bestätigt wurden, wird die Abriegelung schrittweise aufgehoben. Hohe Spitzenpolitiker zeigen sich landesweit ohne Mundschutz in der Öffentlichkeit: Mal bei einem Investorengespräch, mal auf einer Parteiklausur, oder bei einem Fototermin an einer Imbissbude. Die Botschaft lautet: Die Normalität ist zurückgekehrt, es ist höchste Zeit für neues Wachstum.

Sechs Prozent Wachstum als Zielmarke

Ob sich das tatsächlich einstellen wird, ist die entscheidende Frage. Die größte Investmentbank Chinas, die China International Capital Corporation, verminderte Anfang der Woche die Wachstumsprognose für 2020 um über die Hälfte von 6,1 auf 2,6 Prozent.

Chinas Experten und Funktionäre sind sich jedoch einig, dass sechs Prozent Wachstum die unterste Schwelle für sozialen Frieden und Sicherung der Arbeitsplätze in China sind.

Prompt forderte Chinas Staatspräsident Xi Jinping laut chinesischem Außenministerium in einem Telefongespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel mehr Wirtschaftskooperation. Die Lieferketten sollten schnell wiederbelebt und „neues Potenzial für Zusammenarbeit“ in neuen Bereichen zwischen China und Deutschland identifiziert werden.

In Chinas nach wie vor planwirtschaftlich organisiertem Wachstumsmodell sind alle Provinzen stets bemüht, die Vorgaben der Parteispitze zu erfüllen. Das normale Wirtschaftsleben soll möglichst schnell wieder beginnen und die Einschränkung im Alltag beendet werden.

Sorge vor neuen Ansteckungen

Doch das Misstrauen gegenüber der Regierung ist groß. Im sozialen Netzwerk WeChat warnt ein User: „Die Aufhebung der Abriegelung ist nicht unbedingt eine gute Sache für Normalbürger. Die Regierung will das Wachstum nicht gefährden und muss nun endlich Erfolge vorweisen.“

Seine Argumentation: Viele Infizierte hätten keine oder leichte Symptome und wüssten nicht, dass sie das Coronavirus in sich tragen. Nach der Aufhebung der flächendeckenden Quarantäne würde das immer noch hoch ansteckende Virus wieder verbreitet.

Diese Sorge wird durch eine aktuelle Studie unterstützt, über die die Zeitschrift „Nature“ berichtet. Durch Modellrechnungen kam ein Team um Wu Tangchun, Gesundheitsexperte an der Huazhong Universität für Naturwissenschaft und Technologie in Wuhan, zu dem Ergebnis, dass bis zu 60 Prozent der Ende Februar in Wuhan bestehenden Infektionen nicht entdeckt worden seien.

Dem Nachrichtenmagazin Zhongguo Xinwen Zhoukan (China News Weekly) gegenüber schränkte Wu allerdings ein: „Keine unserer Modellrechnungen war perfekt. Das war Mathematik, keine Felduntersuchung.“ Allerdings seien die zugrunde gelegten Werte sehr konservativ gewesen. Ein erneuter Ausbruch sei also durchaus möglich.

Wie normal ist die Lage in Wuhan?

Die Millionenstadt Wuhan, Ausgangspunkt der Epidemie, verzeichnet bisher über 2500 Todesopfer durch das Coronavirus. In der vergangenen Woche wurde nur eine Neuinfektion gemeldet. Am Mittwoch, 63 Tage nach dem Beginn der Abriegelung, nahmen alle 171 Buslinien wieder den normalen Betrieb auf. Und von kommendem Samstag an sollen sechs von sieben U-Bahn-Linien wieder nach Plan fahren.

Auch Bahnreisende dürfen dann wieder nach Wuhan fahren, vor allem die vielen Wanderarbeiter, die nach dem Besuch ihrer Familien in anderen Landesteilen zunächst nicht zu ihrer Arbeitsstelle zurückkehren konnten.

Um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu dürfen, braucht jeder Fahrgast einen personenbezogenen digitalen „Passierschein“ in der Form eines QR-Codes. In diesem „Nationalen Code für Infektionsschutz und Gesundheit“ sind der Personalausweis, die Handynummer sowie Daten über den Gesundheitszustand hinterlegt. Vor jeder Fahrt mit Bus und Bahn wird der Code gescannt und so das Bewegungsprofil des Fahrgastes gespeichert.

Skepsis bei den offiziellen Zahlen

Trotz der Vorsichtsmaßnahmen bleiben manche Einwohner skeptisch. „Selbst die einstige parteitreue Generation im Rentenalter glaubt diesen Quatsch nicht“, schreibt ein Blogger aus Wuhan. „Diese Null (bei Neuinfektionen) will China vor allem dem Westen zeigen. Mehr als eine Schlagzeile steckt nicht dahinter.“

Auch der in den USA lebende regimekritische Blogger und Biochemiker Fang Zhouzi äußert harsche Kritik an den offiziellen chinesischen Zahlen: „Die Statistik der Lokalbehörden lügt um des Wachstums Willen, man darf ihr nicht glauben“, schreibt Fang auf Twitter. Erst wenn der Nationale Volkskongress und die Politische Konsultativkonferenz wieder stattfinden, wäre das ein Zeichen für ein tatsächliches Ende der Epidemie, denn: „Das Leben des Volks ist nicht so wertvoll wie das der Volksvertreter.“

Die Sitzungen von NVK und Konsultativkonferenz hätten wie immer im März stattfinden sollen, wurden aber wegen der Epidemie auf unbestimmte Zeit vertagt.

Maßnahmen nicht zu schnell aufheben

Demgegenüber hat Chinas oberster Virenbekämpfer Zhong Nanshan hohe Glaubwürdigkeit in der chinesischen Bevölkerung. Schon 2003 hatte der Epidemiologe die Infektionskrankheit SARS erfolgreich bekämpft. Heute leitet er den Kampf gegen SARS-CoV-19.

Bei einer Videokonferenz mit europäischen Virologen am Mittwoch warnte er vor einer zweiten Ansteckungswelle: „Die aktuellen Isolierungs- und Quaratänemaßnahmen sollten fortgesetzt werden“, fordert Zhong, „besondere Vorsicht ist bei Rückkehrern aus Risikogebieten geboten.“

China warnt derzeit auch vor Reisen nach Deutschland. Am Donnerstag kündigte China an, ausländischen Bürgern auch mit einem gültigen Visum oder Aufenthaltstitel die Einreise zu verbieten.