Japans Firmen sparen zu viel

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Der Blick auf die Skyline von Tokio vermittelt einen Eindruck davon, wie reich das Land ist.

 
 
 

Die Unternehmen des Landes haben umgerechnet mehr als vier Billionen Euro auf der hohen Kante. Kritiker entzünden nun eine Debatte darüber, ob das Geld in Wachstum und Wohlstand investiert werden sollte.

Die Finanzierung der Sommerspiele 2020 in Tokio gehört zu den kleinen olympischen Weltwundern, die man sich gerne mal genauer erklären lassen würde. Insgesamt 3,1 Milliarden Dollar an Sponsorengeld haben die Japaner einheimischen Firmen abnehmen können. Das ist nicht einfach nur ein Weltrekord, das übertrifft die bisherige Bestmarke privatwirtschaftlicher Olympia-Finanzierung um mehr als das doppelte; bei den Spielen 2008 in Peking gaben die staatseigenen Unternehmen geschätzte 1,2 Milliarden Dollar aus. Die japanischen Anwerbeinstinkte der Tokioter Marketingagentur Dentsu, seit Jahrzehnten dem Internationalen Olympischen Komitee zu Diensten, und nationales Pflichtgefühl waren wohl die wichtigsten Faktoren für den Rekord. Wobei nach Recherchen der Financial Times nicht jeder in den Chefetagen der Unternehmen glücklich sein soll mit dem Investment in das zweiwöchige Weltsportfest.

Immerhin, leisten können sich die Firmen diese Finanzspritzen. Das darf man aus einem Bericht der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg schließen, den am Mittwoch japanische Zeitungen aufgriffen. Demnach verfügen Japans Unternehmen insgesamt über ein Bargeldvermögen von 506,4 Billionen Yen. Bei der Anzahl der Nullen in dieser Summe kommt man leicht durcheinander, aber es handelt sich nach aktuellem Kurs um den Gegenwert von 4,32 Billionen Euro oder 4,76 Billionen Dollar. Der Betrag ist laut Bloomberg jedenfalls größer als das Bruttoinlandsprodukt der meisten Länder in der Welt und um mehr als das Dreifache gestiegen im Vergleich zum März 2013, nur wenige Monate nach der neuerlichen Machtübernahme des erzkonservativen Premierministers Shinzo Abe.

Japans Firmen können demnach etwas aushalten, wenn das Klima auf den Märkten rauer wird. Das ist in Zeiten einer wackligen Weltwirtschaft keine schlechte Nachricht. Zumal sich Japans Regierung gerade seinen eigenen Handelskrieg leistet – mit Südkorea nämlich – nach einem Urteil des dortigen Supreme-Courts, wonach japanische Firmen Entschädigungen an koreanische Zwangsarbeiter aus der Besetzungszeit von 1910 bis 1945 zahlen müssen. Seit die Japaner strengere Kontrollen für bestimmte Exportprodukte nach Südkorea verfügt haben, schlagen die Koreaner zurück, unter anderem mit eigenen Exportbeschränkungen und Boykotten.

Die Nachricht von den enormen Rücklagen der Unternehmen Nippons dürfte also jene beruhigen, die sich manchmal fragen, wie Japans Wirtschaft eigentlich auf diese ungewisse Zukunft vorbereitet ist, die vor ihr liegt. Trotzdem begleitet die Meldung eine Debatte darüber, was der richtige Umgang mit dem Ersparten sei. Mit dem Geld müsste mehr passieren, sagen die einen, es müsste raus in die Welt, in neue Investitionen fließen oder in Ausschüttungen an Aktionäre, damit es Wachstum und Wohlstandskultur befeuert. „Diese Geizhals-artige Situation muss repariert werden“, zitiert Bloomberg Naoki Kamiyama, den Chefstrategen des Unternehmensberaters Nikko Asset Management.

Die Konzerne wollen lieber ein Polster für schlechte Zeiten vorhalten

Aber die Unternehmen wollen lieber sparsam sein, um ein Polster zu haben für besagte harte Zeiten. Und es gibt durchaus Experten, die der Meinung sind, dass gerade diese defensivere Politik die richtige Vorlage ist für weitere gesunde Entwicklungen in den Firmen, die am Ende dann wieder einen nachhaltigeren Beitrag zur nationalen Wirtschaftslage leisten.

Zumal gerade die Firmen in Japan nicht nur für sich zu wirtschaften haben, sondern als Teil des Japan-Konzerns den Wohlstand des Landes aufrechterhalten sollen. Das Land leistet sich nicht wenig mit reichlich Privatfinanzierung: Olympia. Demnächst eine Rugby-WM. Wenn man dazu das Stadtbild von Tokio betrachtet, die reiche Hochhäuser-Pracht, gläsernen Fassaden und ausgebauten Konsummeilen, kann man eigentlich nicht den Eindruck haben, dass Japans Firmen nichts tun mit ihrem Geld. Unter Ökonomen gilt es als das große Verdienst von Shinzo Abe, mit seiner Abenomics-Politik einen Rahmen geschaffen zu haben für einen produktiveren Umgang der Unternehmen mit ihrem Kapital. Manchmal hat man eher den Eindruck, dass die Firmen wettzumachen haben, was die Politik nicht hinkriegt.

Die Firmen scheinen ihre Rücklagen jedenfalls auch zu brauchen, um ihrer Verantwortung als Stützen des japanischen Gemeinwesens gerecht zu werden. Gerade erst hat die Regierung wieder eine Strategie mit dem Titel „Japan Cool“ ausgerufen, nach der Kommunen, Unternehmen und Investoren gemeinsam die Fan-Basis des Landes erweitern sollen. Der Plan sieht eine privatwirtschaftliche Organisation vor, welche die Fäden zieht – und dann sollen sicher wieder alle dazu beitragen mit ihrem Geld, Japan cool zu machen. Immerhin, dieser neue Plan dürfte nicht ganz so teuer werden wie die Olympischen Spiele.