Wie WhatsApp in Asien zum Bezahldienst werden will

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WhatsApp will in Asien als Bezahldienst auf den Markt – ist dort aber ein Spätstarter.

 
 
 

Bezahl-Apps erleben in asiatischen Schwellenländern einen Boom. Auch Facebook will mitmischen. Mark Zuckerberg zeigt sich nach ersten Tests begeistert.

Bangkok. Wer noch Bargeld verwendet, zahlt drauf – diesem Eindruck können sich Konsumenten in Indonesiens Hauptstadt Jakarta derzeit kaum entziehen. An den Kassen von Klamottenläden, Fastfood-Restaurants und Kinobetreibern laufen aggressive Marketingkampagnen diverser Start-ups, die ihre Apps als Alternative zum Portemonnaie anpreisen.

Demnächst könnte auf diesem umkämpften Markt ein Weltkonzern mitmischen: Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters arbeitet Facebook gerade daran, sich als Bezahlanbieter in dem Land in Stellung zu bringen – und zwar mithilfe seines Tochterunternehmens WhatsApp.

Aktuell dominieren noch lokale Services das Bezahlen per App – außerhalb Südostasiens sind sie aber kaum jemandem bekannt: Ovo zum Beispiel, das zum Mischkonzern Lippo gehört, und Go-Pay, der Bezahldienst der Motorradtaxi-App Go-Jek.

Sie alle locken mit dem Versprechen einer erheblichen Ersparnis beim Umstieg auf die sogenannten E-Wallets. Wer mit dem Smartphone bezahlt, bekommt mal einen Preisnachlass von 20 Prozent, mal eine nachträgliche Kontogutschrift von zehn Prozent des Kaufpreises oder Tausende Bonuspunkte für ein Treueprogramm.

Die Werbeaktionen zeigen ihre Wirkung: Im Juli wuchs das Volumen elektronischer Zahlungen in Indonesien erstmals auf mehr als 900 Millionen Dollar. Im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres ist das nach Angaben der Zentralbank ein Anstieg von mehr als 260 Prozent.

Während Facebooks geplante Digitalwährung Libra in mehreren Ländern auf Widerstand der Regulierungsbehörden stößt, sieht Konzernchef Mark Zuckerberg in der Messenger-App derzeit seine beste Chance, um sich bei digitalen Geldtransaktionen ins Spiel zu bringen, die besonders in Asien gerade einen Boom erleben.

In Indien bereitet Zuckerberg den Start als Finanzunternehmen für die breite Masse bereits seit zwei Jahren vor – und steht offenbar kurz davor, den Dienst für alle 400 Millionen Nutzer in dem Land freizuschalten. Indonesien könnte dem Reuters-Bericht zufolge das zweite Land werden, in dem WhatsApp Geldgeschäfte so einfach machen möchte wie das Versenden einer Textnachricht.

Bereits Ende Juli hatte Zuckerberg angedeutet, den WhatsApp-Bezahldienst großflächig ausrollen zu wollen: „Wir arbeiten außer in Indien noch in einer Reihe anderer Länder an dem Dienst und hoffen, dass er innerhalb des nächsten Jahres für einen großen Teil der WhatsApp-Nutzer verfügbar ist“, sagte der Facebook-Chef in einer Telefonkonferenz mit Analysten.

Riesige Märkte mit großem Potenzial

Allein der Einstieg in Indien und Indonesien würde bereits eine enorme Reichweite bringen: Die beiden Länder sind Asiens bevölkerungsreichste Staaten nach China und haben zusammen rund 1,6 Milliarden Einwohner. WhatsApp hat in keinem anderen Land mehr Nutzer als in Indien. Indonesien zählt mit 100 Millionen Nutzern zu den fünf größten Märkten für das Unternehmen.

Beim Start als Bezahldienstleister steht Facebook – ebenso wie im Fall von Libra – aber vor regulatorischen Hürden. In Indien machte dem Unternehmen zuletzt die Vorschrift zu schaffen, sämtliche Transaktionsdaten über lokale Server auf dem Subkontinent abzuwickeln.

Nach langer Verzögerung sieht sich das Unternehmen jetzt aber offenbar in der Lage, die Vorgaben umzusetzen. Die zuständige Organisation NCPI prüft derzeit Facebooks Systeme und will in den kommenden Wochen ein Ergebnis verkünden.

Die Lizenzerteilung ist laut Zuckerberg alles, was dem Start noch entgegensteht. Ein Beta-Test sei sehr erfolgreich verlaufen. Eine Million Teilnehmer konnten dabei schon ausprobieren, Geldbeträge an andere WhatsApp-Nutzer zu verschicken.

In Indien steht der Bezahldienst vor erheblicher Konkurrenz: Im Zuge der umstrittenen Bargeldreform der Regierung von Narendra Modi im Jahr 2016, bei der rund 90 Prozent des Bargeldvolumens über Nacht für ungültig erklärt wurden, haben digitale Bezahldienste wie PayTM, Phone-Pe und PayU in dem Land stark an Bedeutung gewonnen. Auch Google ist mit seinem Dienst Google Pay in Indien vertreten.

WhatsApp ist zwar Spätstarter, kann aber auf Vorteile durch seine extrem große Nutzerbasis hoffen. Auch die Wachstumsraten der Branche dürften die Verantwortlichen optimistisch stimmen: Laut einer Studie der Credit Suisse wird der Markt für digitales Bezahlen in Indien bis 2023 auf ein Volumen von einer Billion Dollar wachsen – fünfmal so viel wie 2018.

Facebook-Chef geht auf Partnersuche

Im Gegensatz zum Vorgehen in Indien will Facebook in Indonesien laut dem Reuters-Bericht mit den bereits vorhandenen Bezahl-Apps zusammenarbeiten. Der Konzern soll sich dafür unter anderem in Verhandlungen mit Go-Pay und Ovo befinden. Eine Facebook-Sprecherin bestätigte, dass sich WhatsApp in Gesprächen mit Partnern aus der indonesischen Finanzbranche befinde. Diese befänden sich aber noch in einem frühen Stadium.

Zuckerberg sieht das Thema jedenfalls weit oben auf seiner Agenda: „Bezahldienste begeistern mich ganz besonders“, sagte er vor wenigen Wochen. „Mit Blick darauf, welche privaten Interaktionen wir künftig vereinfachen können, sind Bezahllösungen langfristig womöglich am wichtigsten.“