Aufgehende Saat: Ökolandwirtschaft in Asien

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Tee-Garten in Sikkim

 
 
 

… und urbane Gärten im Nahen Osten als Überlebenstechnik

Weltweit kontrolliert eine Hand voll multinationaler Konzerne wie Bayer, Syngenta und BASF mit Hybrid- bzw. Gen-Saatgut und Pestiziden den Saatgutmarkt und bringen tausende Kleinbauern in ihre Abhängigkeit.

Es ist nur wenige Jahre her, da schluckten hunderte indische Baumwollbauern literweise Pestizide. Von den Konzernen gezwungen, teures genverändertes Saatgut und Pestizide zu kaufen, hatten sich viele Familien über Jahre verschuldet. Die geringen Ernteerträge reichten nicht aus, um die Schulden abzuzahlen. Aus lauter Verzweiflung wählten viele Bauern damals den Freitod.

Andererseits gibt es gerade in Indien zahlreiche Beispiele, in denen Landwirtschaft auch ohne Chemikalien und Gen-Saatgut funktioniert. In dem kleinen Bundesstaat Sikkim zum Beispiel mit rund 620.000 Einwohnern. Hochalpine Landschaften verschmelzen mit subtropischer Vegetation, Bambuswälder wechseln sich ab mit Teakholzplantagen und Bananenstauden.

An den Berghängen ziehen sich Reisterrassen bis ins Tal. Auf 1500 Metern Höhe wachsen – zumeist im Etagenbau – Mais, Linsen, Hirse, Weizen und Buchweizen im Wechsel mit Bananenstauden, Mangos, Gurken, Kiwis, Walnüssen und Gewürzen wie Kardamom und Kurkuma. Kürbisse ranken sich meterhoch in den Bäumen.

Indien im Bio-Trend

Warum stellt ein indischer Bundesstaat komplett auf Öko-Landbau um? Um das zu verstehen, muss man auf die Zeit Anfang der 1990er Jahre zurückblicken, als sich die großen Unternehmen der Agrarindustrie öffneten. Damals sah Premierminister Chamling das Leben von Mensch und Tier durch den Einfluss von Chemikalien gefährdet.

Um sein Land vor dem ökologischen Desaster zu bewahren, erklärte er es kurzerhand zum „Total oganic State“. In der gebirgsreichen Landschaft sind ohnehin nur elf Prozent der Fläche kultivierbar und auf den kleinteiligen Äckern keine hohen Erträge zu erwarten: optimale Bedingungen also für den Ökolandbau. In Schulungen erlernten die Bauern ökologische Anbaumethoden.

Auf mehr als 10.000 Kompostanlagen werden Kompost und Mist in Biodünger verwandelt. Wegen der immensen Vielfalt der Kulturen treten kaum Schädlinge auf. Die wenigen Krankheiten und Schadinsekten werden mit natürlichen Mitteln in Schach gehalten, z. B. mit Milch, Mist und Urin von Kühen. Ein Teil der Gemüse-Ernten dient der Selbstversorgung, den anderen Teil verkaufen die Bauern an lokale Händler.

Anstelle hoher Erntemengen steht die Gesundheit der Böden im Vordergrund, über ausgeklügelte Fruchtfolgen wird die Bodenfruchtbarkeit gesteigert und der Schädlingsbefall minimiert. Seit 2005 verzichten die Kleinbauern auf subventionierten Kunstdünger. 2010 wurde die „Sikkim Organic Mission“ mit der Marke Sikkim Organic bekanntgegeben.

Fünf Jahre später waren 76.000 Hektar – also die gesamte Landesfläche „biozertifiziert“. Seit Januar 2016 ist auch der Einsatz von synthetischen Spritzmitteln verboten. Wer Kunstdünger und Pestizide verkauft, einführt oder ausbringt, muss mit Geld- oder Haftstrafen rechnen.

Etwa hundert Kilometer südlich von Sikkim, an den südlichen Ausläufern des Himalaya, liegt das Teeanbaugebiet Darjeeling mit fast 90 Teegärten. In der gebirgigen Landschaft experimentierten Briten im Jahr 1840 mit dem ursprünglich aus China stammenden Teestrauch Camellia sinensis. Das Ergebnis war ein hellgelber bis bernsteinfarbiger Aufguss mit mildem, blumig feinem Aroma. Mittlerweile werden in Darjeeling die meisten der Plantagen und kleinbäuerlichen Kooperativen ohne künstlichen Dünger und Pestizide bewirtschaftet.

Auch andere indische Bundesstaaten entdecken den Ökomarkt für sich: In Uttarakhand und Kerala erobert der Ökolandbau immer größere Marktteile. Ein noch junges Unternehmen ist Terra Greens Organic, für das 2.000 Kleinbauern Gemüse, Kräuter, Obst, Getreide, Hülsenfrüchte, Gewürze sowie Honig und Tee anbauen. Über 90 Produkte werden unter der hauseigenen Marke über Online-Versand, in Fachgeschäften und Supermärkten vermarktet.

Bhutan: Mit Ökolandbau glücklicher leben

Bhutan gilt als das einzige klimaneutrale Land der Welt, denn der gesamte Strom stammt aus Wasserkraft. Mehr als 70 Prozent des Landes sind von Wald bedeckt. Trotz vorsichtiger Modernisierung ist Landwirtschaft immer noch der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Obwohl 70 Prozent der Einwohner davon leben, müssen viele Menschen Getreide und Gemüse zukaufen.

Die Hälfte des Reises wird aus Indien importiert. Auf den stufenförmigen Terrassen an den Hängen wachsen neben Reis auch Senf, Bohnen, Kartoffeln, Kohl und Tomaten. Das kleine Königreich im Himalaya verfolgt das ehrgeizige Ziel, seine Lebensmittel zu 100 Prozent in Öko-Qualität herzustellen. 2013 gab es mindestens 2000 Bio-Bauern im Land.

Allerdings verlangt eine wachsende Bevölkerung nach mehr Nahrung. Bei der Umstellung auf Bio muss deshalb auch die Produktivität erhöht werden. Auch hier werden Bauern in Kompostierungsmethoden geschult und lernen, wie man Stalldung so verteilt, dass durch Versickern und Verdampfen so wenig Nährstoffe wie möglich verloren gehen. Aus Chili, Knoblauch, Zwiebeln und Pfeffer wird ein Extrakt hergestellt, um Ungeziefer zu vertreiben. Und gegen Schadinsekten schützen Produkte aus Neemöl.

Vom Raubbau zur nachhaltigen Waldnutzung

Der Leasehold-Forest ist Teil des nepalesischen Staatswaldes, der bis vor 25 Jahren als weitgehend intakt galt. Jahrelange Brandrodung hatte zu schweren Schäden und Erosion an den Hängen geführt. Im Jahr 2000 verpachtete der Staat rund 100 Hektar Wald an 23 lokale Bauerngruppen, meist Angehörige der Chepangs, die mit 52.000 Menschen zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen in Nepal gehören.

Bevor sie von der modernen Zivilisation zur Sesshaftigkeit gezwungen wurden, zogen sie nomadisierend durch die Wälder. Heute versorgen sich die letzten Ur-Einwohner zum Teil über Brandrodungsanbau mit Mais, Hirse und Buchweizen.

Menschen, die ihren eigenen Wald nutzen, so war die Idee, haben ein Interesse daran, dass dieser erhalten bleibt. Verantwortungsvoll und nachhaltig bewirtschaftet, hilft ihnen „ihr Wald“ aus der größten Armut heraus. Bewirtschaftet werden darf er allerdings nur unter strengen Auflagen. Nur mehrjährige, waldgemäße Dauer-Kulturen wie Bananen und mehrjährige Gewürze dürfen hier kultiviert werden.

2009 gründete die Initiative One World – a learning center eine Baumschule zur Wiederaufforstung. Darüber hinaus wurde Sesam und Ingwer kultiviert. Seit 2010 wird der Wald von so genannten Demeter Farmers Groups, bestehend aus 250 Familien, bewirtschaftet. Schwerpunkt ist der Anbau von Zitronengras zur Gewinnung von ätherischem Öl sowie von Moringa für Tee.

Seit 2019 kultivieren fünf Bäuerinnen auf einem Hektar Ackerland Bio-Chili ausgesuchter Varietäten. Auf rund 350 Hektar werden sechs bis acht Kräuterarten aus zertifizierter Bio-Wildsammlung vermarktet. Zudem sichern Räucherstäbchen und ayurvedische Demeter-Teeprodukte den Menschen ein langfristiges Einkommen.

Zu oben genannter Initiative gehört auch eine Farm in Gorkha am Marshangdi River. Auf dem sieben Hektar großen Gelände finden zwischen 10 und 20 Menschen saisonbedingte Arbeit, darunter Frauen aus benachteiligten Verhältnissen. Seit mehr als 20 Jahren werden hier aromatische Ayurveda-Tees und Pflanzen für Räucherstäbchen biodynamisch angebaut und unter der Marke Nepali Gardens vermarktet.

Urbane Gärten des Widerstandes

Wo Krieg geführt wird, herrscht Hunger. In Syrien zum Beispiel waren rund eine Millionen Menschen lebensgefährlich vom Hunger bedroht. Eingeschlossen in Dörfern und Städten, wurde es immer schwieriger, Essen zu beschaffen. Angesichts der Auswegslosigkeit begannen Menschen damit, ihr Essen selber anzubauen. So wie in Zabadani, einer syrischen Kleinstadt an der Grenze zum Libanon, wo Frauen kurz nach Ausbruch des Krieges eigenes Gemüse zogen.

Schnell fand die Idee Nachahmer in anderen Orten: Asphalt wurde entfernt, jeder unbebaute Winkel für den Gemüsebau genutzt. Bis heute kultivieren Bewohner zerbombter Städte Kartoffeln, Auberginen, Zucchini oder Zwiebeln und eiweißreiche Hülsenfrüchte, aber auch Äpfel und Oliven. Und obwohl die Getreidemühlen im Land von Regierungstruppen zerstört wurden, wird auch Getreide ausgesät. Als mitten im Krieg die Wasserkanäle geschlossen wurden, fehlte allerdings das Wasser zum Bewässern.

Unter der Dringlichkeit der Nahrungsversorgung gründeten Bauern und Bäuerinnen das Netzwerk The 15th Garden. In den zerstörten Städten und Lagern der syrischen Anrainerstaaten legten die Aktivisten urbane Gärten an, tauschten untereinander samenfestes Saatgut aus und gaben ihr Wissen über nachhaltigen Land- und Gartenbau weiter. Nicht selten setzten sie ihr Leben aufs Spiel, um die Eingeschlossenen vor dem Hungertod zu retten

Einer von ihnen ist Abdallah Al-Shaar. Er half in einem Flüchtlingslager Gärten anzulegen, bevor er im Frühjahr 2015 nach Schweden floh. Damals wurden sogar kleine Bäckereien mit Öfen betrieben, eine Saatgutbank angelegt und eine Schule für Ökolandbau eröffnet, berichtet er in einem Spiegel-Interview.

Urbane Gärten sind ein Mittel zur Erlangung der Ernährungssouveränität, glaubt Al-Shaar. Denn nur, wenn Menschen in der Lage sind, sich selbst zu versorgen, sind sie unabhängiger von äußeren Einflüssen von Autoritäten, so der Garten-Aktivist. Und meint damit auch ein künftiges Leben nach dem Krieg.

Inzwischen hat sich das Netzwerk auf Schweden, Frankreich, Italien und Deutschland ausgeweitet. Von dort aus senden Mitglieder gentechnikfreies, samenfestes Saatgut in syrische Flüchtlingslager aber auch in die Lager angrenzender Nachbarländer. In Griechenland zum Beispiel gibt es zwei Gärten, die ausschließlich Saatgut für Syrien nachziehen.

Safran-Ernte statt Opiumhandel

Nachhaltige Anbau-Projekte in kriegszerrütteten Ländern lassen Menschen mit ihrer Kultur, Geschichte und Erfindungsgeist in einem ganz neuem Licht erscheinen. So wie in Afghanistan – ein Land, das eher für Terroranschläge und Anbau von Schlafmohn bekannt ist.

Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger aus Berlin 2015 begegneten während einer Reise eher durch Zufall einer Gruppe von Frauen, die in der Provinz Herat Safran kultivierten – auf denselben Äckern, auf denen wenige Jahre zuvor Mohn angebaut worden war. Wenige Tage später standen sie inmitten von Safranfeldern und halfen bei der Ernte. Zurück in der Heimat überlegten die beiden Quereinsteiger in der Lebensmittelbranche, wie sie die Produktvermarktung vorantreiben könnten. Das Unternehmen Conflictfood war geboren.

In der Folgezeit reisten sie durch vom Krieg zerrüttete Länder: In Palästina entdeckten sie das antike Getreide Freekeh aus geröstetem, grünem Weizen. In Myanmar fanden sie eine wilde Teesorte, die seit Generationen in ursprünglicher Form angebaut wird. Freekeh und Tee sind inzwischen sogar biozertifiziert. Aktuell gibt es drei Anbauprojekte, die den Bäuerinnen und Bauern lokale Absatzmärkte eröffnen.

In Berlin finden die Waren über Online-Handel bzw. über Partner wie Greenpeace oder Plan International ihren Weg zu Abnehmern in ganz Europa. Handel hilft den Menschen mehr als Geldspenden, glauben die Unternehmensgründer.

Deshalb wollen sie über fairen und direkten Handel lokale Strukturen stärken, die Eigeninitiative der Menschen in Krisenregionen fördern und letztlich somit Fluchtursachen bekämpfen. Denn nur wenn Menschen langfristig eine Perspektive haben, werden sie ihre Heimat nicht verlassen.