Buchtipp: „Asiens Stunde“ – Wie Asien dem Westen den Rang abläuft

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Gideon Rachman

 
 
 

Erst die Wirtschaft, dann die Welt: Ein neues Buch zeichnet nach, wie sich das weltweite Machtgefüge zugunsten des asiatischen Raums verschoben hat.

BerlinDerzeit kann man sich vor Büchern über China kaum retten. Zu Recht – die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen ist zu einem der wichtigsten Länder der Welt geworden. Besonders deutlich wird das im vor sich hin schwelenden amerikanisch-chinesischen Handelsstreit, der auch beim G20-Gipfel an diesem Wochenende in Osaka auf der Agenda stehen dürfte. Im Vorfeld des Treffens hatte US-Finanzminister Mnuchin durchblicken lassen, eine Einigung in dem Zwist sei „zu 90 Prozent am Ziel“.

Für Gideon Rachman, außenpolitischer Chefkommentator der „Financial Times“, ist der Konflikt ein Symptom einer neuen Ära internationaler Beziehungen. In seinem Buch „Easternization“, das auf Deutsch unter dem Titel „Asiens Stunde“ erschienen ist, zeichnet der Journalist ein umfassendes Bild des weltweiten Machtgefüges mit der asiatischen Welt. Dazu analysiert Rachman nicht nur China, sondern auch Indien und Japan und setzt ihnen die USA und Europa entgegen.

Rachmans Gleichung lautet dabei: Ökonomische Kraft plus militärische Stärke ergibt politischen Einfluss. Und war es einst der Westen, der hier klar überlegen war, schwinde dieser Vorsprung derzeit rapide. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens sei deshalb auch die Zeit der politischen Dominanz des Westens vorbei, so seine – zugegeben – nicht ganz neue These.

Auch wenn man diese kritisch sehen darf, lernen Rachmans Leser viel aus seiner Analyse. Der studierte Historiker beschreibt in seinem dichten und dennoch übersichtlichen Werk mit einem beeindruckenden Blick für Schlüsselereignisse die Beziehungen der internationalen Mächte aktuell und im Rückblick.

Dabei kommen ihm auch die zahlreichen Gespräche mit hochrangigen Kontakten zugute, die er bei seinen Stationen als Korrespondent in Brüssel, Washington und Bangkok gesammelt hat. Rachman legt offen, wie es die USA zu lange versäumt hätten, eine Antwort auf den Aufstieg Chinas zu finden. Wie Europa Asien noch immer zu sehr vor allem aus rein wirtschaftlicher Perspektive betrachtet. Und er erklärt, wie China und andere Mächte in Asien langsam, aber stetig zu immer größeren Militärmächten aufsteigen.

Die Analyse des Außenpolitikexperten kommt zur rechten Zeit: Man muss den wachsenden Einfluss insbesondere der Chinesen ernst nehmen. In Afrika etwa vergibt die Volksrepublik nicht nur bedingungslos Kredite für Infrastrukturprojekte der „Neuen Seidenstraße“, sondern betreibt vor Ort auch zahlreiche Propagandakanäle. Auf der anderen Seite fehlt China etwas sehr Bedeutendes: Es hat bei Weitem nicht ein vergleichbar dichtes Netzwerk an Verbündeten, wie es Amerika und Europa gemeinsam haben.

Gideon Rachman: Asiens Stunde – Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert
Weltkiosk 2019
2019
240 Seiten
19,90 Euro
ISBN-13: 978-3942377164