Evonik will von Singapur aus Asien erobern

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Mit einer großen Investition plant der Spezialchemiekonzern in Asien zu wachsen. Der Stadtstaat Singapur unterstützt massiv, denn er hat Ernährung als eines seiner Wachstumsfelder ausgemacht.

Der Spezialchemiehersteller Evonik spürt den Handelsstreit zwischen Amerikanern und Chinesen. „Wir nehmen in China eine Verlangsamung unseres Geschäftes wahr, insbesondere im Automobil- und Bausektor“, sagte Christian Kullmann, der Vorstandsvorsitzende, in Singapur der F.A.Z. Einen Ausgleich sieht er in Wirtschaftszweigen, die weniger handelsabhängig sind, wie zum Beispiel dem Gesundheitssektor. Auch die in Asien immer schneller grassierende Schweinepest bekommt der Konzern zu spüren, da er sich sehr stark in Tierernährung engagiert. Allerdings hofft Bereichsvorstand Johann-Caspar Gammelin das wegbrechende Geschäft mit Schweinen durch das wachsende mit Geflügel ausgleichen zu können. Er rechnet mit Blick auf China mit dem Schlachten von bis zu 35 Prozent des Schweinebestandes.

Die derzeitigen Turbulenzen aber hindern die Essener nicht daran, kräftig weiter in Asien zu investieren: Am Dienstag eröffneten sie im Stadtstaat Singapur eine zweite Großanlage zur Herstellung der Aminosäure Metamino, die für die Tierernährung, insbesondere für Schweine und Hühnchen, eingesetzt wird. Damit verdoppelt sich die Produktion in Singapur auf 300.000 Tonnen Metamino jährlich. Die Fabrik auf der Chemieinsel Jurong ist der größte Standort für die Produktion der Aminosäure rund um die Welt. Er steht für gut 40 Prozent der gesamten Jahresproduktion von Metamino von Evonik. Die anderen Produktionsstätten liegen in der amerikanischen Stadt Alabama, in Wesseling nahe Köln und in Antwerpen. Von dort wurde Asien bislang mitversorgt. In Zukunft wird Evonik den Ernährungszusatz vor allem von der Tropeninsel aus in die ganze Region exportieren; der Markt in China und derjenige in Süd- und Südostasien machen dabei jeweils rund die Hälfte des Marktes aus.

Um dieses Potential zu heben, hat der Spezialchemiekonzern tief in die Tasche gegriffen: Die neue Fabrik, die allein fast hundert Kilometer Rohrleitungen besitzt, kostete mehr als eine halbe Milliarde Euro – die größte Einzelinvestition, die Evonik bisher gewagt hat. Allerdings entstehen dadurch in Singapur nur noch hundert Arbeitsplätze. Gleichwohl unterstützt der rigide Stadtstaat die Investition massiv, denn er hat Ernährung als eines seiner Wachstumsfelder ausgemacht.

Der Veränderungsbedarf ist immens

Bis zum Jahr 2030 wolle das kleine, reiche Land 30 Prozent seiner Nahrung selbst herstellen, vor allem in vertikalen Feldern an und auf Hochhäusern, betonte der kommende Ministerpräsident, Heng Swee Keat. „Allein in diesem Jahr stecken wir 140 Millionen Singapur-Dollar in die Forschung und Entwicklung in diesem Sektor“, sagte der Nochfinanzminister. „Bis 2050 wird die Nachfrage der Asiaten nach Fisch und Fleisch um 78 Prozent gestiegen sein“, warnte er mit Blick auf den steigenden Proteinbedarf angesichts der wachsenden Mittelschicht Asiens und einer immer größeren Weltbevölkerung.

Kullmann sieht darin eine Chance für Evonik und zieht das Tempo an. „Es ist für uns ein Muss, in dieser Region schneller als das Bruttoinlandsprodukt zu wachsen“, gab er die Richtung vor. Im vergangenen Jahr wuchs der Evonik-Umsatz in der Region Südasien-Pazifik freilich nur um 5 Prozent auf rund 940 Millionen Euro – nach Kullmanns Zielvorgaben müssten es mindestens gut 6 Prozent jährlich sein. Helfen können dabei auch Zukäufe, für die sich der Evonik-Chef weiter offen zeigt. Allerdings lege er großen Wert auf Integration. Damit scheinen ihm Übernahmen westlicher Firmen mit einem starken Bein in Asien attraktiver zu sein als diejenigen asiatischer Konkurrenten.

Auf Dauer zielt der Manager auf seinen jeweils dreißigprozentigen Umsatzanteil aus Europa, Amerika und Asien. Der Veränderungsbedarf ist immens: Derzeit kommt Europa auf rund 50 Prozent Umsatzanteil, Asien nur auf ein gutes Fünftel, Südasien steuert nur ein Fünfzehntel zum Konzernumsatz bei. „Das heißt, wir werden unsere Präsenz in Asien weiter ausbauen“, sagt Kullmann. Mit Blick auf die fortgesetzte Untersuchung gegen Evonik wegen Anti-Dumpings in China zeigte sich der Vorstandschef schmallippig und erklärte, man hoffe auf ein gutes Ergebnis und kooperiere mit den Behörden