Japan: Ein Kaiser geht in Rente

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Akihito übergibt seinem Sohn ein Amt, das im Laufe der Jahrhunderte immer wieder radikal neu erfunden wurde. Naruhito besteigt am Mittwoch den Chrysanthementhron.

Wenn der japanische Kaiser Akihito am Dienstag feierlich abdankt, geht zum ersten Mal seit 212 Jahren ein Tenno in den Ruhestand. Und der erste Tenno, der es verstanden hat, die Vorgabe der Nachkriegsverfassung, er sei das «Symbol des Staates und der Einheit des Volkes», mit Inhalten zu füllen. Am Mittwoch wird sein Sohn Naruhito als 126. Kaiser den Chrysanthementhron besteigen.

Die heutige Rolle des Kaisers, die Akihito mit Wärme, Volksnähe und einem stillen Pazifismus interpretiert hat, ist die Kreation eines US-Generals. Als Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen setzte Douglas MacArthur durch, dass Kaiser Hirohito, Akihitos Vater, als Staatsoberhaupt und Kommandant der Armee verantwortlich für Nippons Aggressionskriege und Gräuel, nach der Kapitulation nicht vors Tokioter Tribunal gestellt wurde. Er durfte auf dem Thron bleiben.

USA diktieren Verfassung

MacArthur diktierte jener Gruppe Amerikaner, die im Januar 1946 Japans neue Verfassung entwarfen, ins Notizbuch: «Der Kaiser ist das Oberhaupt des Staates. Seine Nachfolge ist dynastisch.» So steht es seither in der Verfassung, die dem Kaiser jedoch keinerlei politische Aufgaben überlässt.

MacArthur stand unter dem Druck der Alliierten, dem Tenno den Prozess zu machen. Der Australier Sir William Webb, Präsident des Tokioter Tribunals, das 7 Japaner wegen Kriegsverbrechen zum Tode und 16 zu lebenslanger Haft verurteilte, hielt Hirohito für den «Anführer der Verbrechen».

Seine Apologeten halten dem entgegen, Hirohito, der Vater des jetzt abdankenden Kaisers, sei nur formal Staatsoberhaupt gewesen. MacArthur hielt seine schützende Hand über ihn, er sagte, die Japaner liessen sich leichter führen, wenn sie ihren Kaiser behalten dürften. Der General selber wusste wenig über Japans Kultur. Sein Brigadegeneral Bonner Fellers aber hatte gesagt, den Kaiser zu hängen, käme der Kreuzigung Christi gleich.

Das mochte für einige Politiker stimmen, die sich aus der faschistischen in die Nachkriegsregierung gerettet hatten. Andere Japaner waren des Kaisers müde. Der Mehrheit sei der Monarch schlicht egal gewesen, sagt der Historiker John Dower. Die Japaner hungerten, es herrschten Mangel und Rechtlosigkeit. Von der salomonischen Lösung der USA – der Kaiser bleibt frei, muss aber seinen gottgleichen Status und seine politische Macht abgeben – liessen sie sich kaum beeindrucken. Eher hätten die Menschen nicht verstanden, so Dower, wie der allmächtige Gottkaiser, für den 3,1 Millionen Japaner starben, plötzlich keine Verantwortung für den Krieg gehabt haben soll. Und Mensch geworden sei.

Dower schreibt in seinem Buch «Embracing Defeat», nicht das japanische Volk, sondernMacArthur und Fellers seien Royalisten gewesen. Sicherlich gefiel sich MacArthur in der Rolle des «blauäugigen Shogun», wie die Japaner ihn nannten. Die Shogune waren erbliche Militärdiktatoren, die Japan im Namen des Kaisers acht Jahrhunderte lang regierten.

Der Amerikaner war nicht der Erste, der Japans Kaisertum neu erfand. Nach der Legende stammte Jimmu, der als erster Kaiser 660 v. Chr. den Thron bestieg, von der Sonnenkönigin Amaterasu und vom Sturmgott ab. Über die Herrscher der nächsten 20 Generationen – bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. – weiss man wenig. Das «Nihon Shoki», eine Chronik, die erst im 8. Jahrhundert verfasst wurde, ist die einzige Quelle.

Ebenfalls erst seit dem 8. Jahrhundert wird der Kaiser «Tenno» genannt, ein Lehnwort aus dem Chinesischen, mit dem auch Riten vom chinesischen Hofe übernommen wurden. Wahrscheinlich würden Archäologen in den Kaisergräbern noch manch Interessantes über die ersten 1000 Jahre des Herrscherhauses finden. Aber das kaiserliche Hofamt verweigert Forschern jeden Zugang zu diesen Grabstätten.

Im 12. Jahrhundert definierten die Samurai, Japans damals aufkommende Kriegerkaste, das Kaisertum neu. Sie reduzierten den Tenno, der bis dahin durchaus weltliche Macht ausübte, wiewohl nie über den ganzen Archipel, auf die Rolle eines Shinto-Hohepriesters. Seither lebte er zurückgezogen in Kyoto. In seinem Namen regierte ein Shogun. Die Portugiesen verglichen den Tenno im 16. Jahrhundert mit dem Papst. Die Holländer, während zweier Jahrhunderte die einzigen Europäer, die mit Japan Handel treiben durften, hielten den Shogun für den wirklichen Kaiser.

Vorbild Preussen

Als 1867 Mutsuhito den Thron bestieg, wurde das Kaisertum wiederum neu erfunden, diesmal von Samurais und Oligarchen aus Westjapan, den so­genannten Meiji-Revolutionären. Japan steckte in einer tiefen ­Krise, es gab Unruhen, die Wirtschaft stotterte.

Das hing auch mit der 1854 vom US-Admiral Matthew Perry erzwungenen Öffnung zusammen, es gärte aber schon länger. Der Shogun hätte keine Antworten mehr, so meinten die Meiji-Anführer. Um ihren unblutigen Umsturz zu rechtfertigen, der von den Volksmassen mitgetragen wurde, holten sie den erst 16-jährigen neuen Kaiser aus seiner Isolation in Kyoto nach Tokio, das sie zur Hauptstadt erklärten.

Die Meiji-Anführer installierten ihn als Staatsoberhaupt und statteten ihn mit der Machtfülle eines Autokraten aus. Mit ihrem Umsturz würden sie die Macht an ihren historischen Inhaber zurückgeben, behaupteten sie. Und ignorierten, dass das Kaiserhaus seit acht Jahrhunderten keine Macht mehr ausgeübt hatte. Vor seinem Umzug nach Tokio hatte Mutsuhito bei seinem Vater und den Hofpoeten Lyrik studiert. Es wird angenommen, dass er wenig über die politische Lage im Lande wusste.

MacArthur gefiel sich in der Rolle des «blauäugigen Shogun».

Für diesen neuen Kaiser brauchte Japan auch neue Ri­tuale – und eine neue Optik. Während Mutsuhito in seiner Jugend traditionelle Kleider trug, zeigte er sich später in preussisch angehauchter Offiziersuniform. In jener Zeit steckte Japan auch seine Schüler in Uniformen, die bis heute getragen werden.

Auch sonst sah Meiji-Japan in Preussen, dem Agrarstaat, der sich ebenfalls spät modernisierte, ein Vorbild. Selbst Hofrituale sollen preussischen Zeremonien nachgebildet worden sein. Andere Rituale, etwa das «Daijosai», mit dem sich der neue Kaiser nach seiner Inthronisierung eine Nacht lang symbolisch mit der Sonnenkönigin vereinigt, wurden damals aus tausendjährigen Quellen rekonstruiert. Im 19. Jahrhundert erfand Japan sich die zwei Jahrtausende alte Tradition, die es heute hochhält.

Nach Hiroshima bankrott

Das gilt auch für die Ära-Namen. Sie werden erst seit der Meiji-Zeit mit den Kaisern synchronisiert. Vorher proklamierte der Shogun stets dann eine neue Ära, wenn er einen Neuanfang markieren wollte, etwa nach einer Naturkatastrophe. Als Kaiser Komei, der Vater des Meiji-Kaisers, 1846 den Thron bestieg, wechselte der Ära-Name nicht. Während seiner 31-jährigen Regentschaftszeit jedoch siebenmal.

Die Meiji-Propaganda baute den Tenno zum Gottkaiser und Vater der Nation auf, für den alle Japaner bereit seien, ihr Leben zu opfern, wie es im kaiserlichen Edikt von 1890 hiess. Vier Jahre später griff Nippon, das 300 Jahre keinen Krieg geführt hatte, im Namen des Kaisers China an. Und kolonisierte Taiwan. Zehn Jahre später zog es gegen das russische Reich in den Krieg. Und kolonisierte Korea.

Der Personenkult um den «Sohn des Himmels» erreichte unter Hirohito seinen Höhepunkt. Obwohl er sich eher für die Meeresbiologie interessierte, in der er sich einen Namen machte, nahm er an allen wichtigen Regierungssitzungen teil und stimmte den Feldzügen Japans zu. Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, nach der völligen Niederlage, hörten die Japaner seine Stimme im Radio – mit der Kapitulation. Das Kaiserhaus war moralisch bankrott: Es musste neu erfunden werden.

Mit seiner sanften Art, mit vielen Besuchen bei Katastrophenopfern haben Akihito und Kaiserin Michiko die Kaiserfamilie populär gemacht. Auch bei Leuten, die der Monarchie kritisch gegenüberstehen. Manche Japaner sehen ihn sogar als Korrektiv zum Rechtskurs von Premier Shinzo Abe. Sie erwarten, dass sein Sohn Naruhito zu einem ähnlichen Kaiser wird. Und vielleicht sogar das Kaiserhaus modernisiert.