Im Streit um heilige Kühe

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Hilfe für heilige Kühe zieht bei den Indern nicht mehr: Otaram Dewasi, der einzige Kuh-Minister, wurde abgewählt.

Einfache Logik: Die Kuh ist für Hindu heilig. Wer also etwas für die Kuh tut, ist bei Hindu beliebt. Aber so einfach ist es eben doch nicht. Gerade ist im Bundesstaat Rajasthan Indiens einziger Minister für die Kuh abgewählt worden. Dabei hatte sich Otaram Dewasi wirklich für die Kühe eingesetzt – immerhin gehört der 54-Jährige zum Volk der Rabari, die als Nomaden durch die Wüste von Rajasthan ziehen. Sie verstehen ihre Viehzucht als Auftrag des Hindu-Gottes Shiva.

Dewasi erhob zugunsten der Kühe eine Sondersteuer auf alkoholische Getränke, richtete Alters- und Pflegefarmen für bedürftige Rinder ein und wurde vom Bundesstaat mit einem üppigen Budget ausgestattet. Doch das Projekt der Wohltätigkeit wollte nicht gelingen. Hunderte Kühe in der Obhut des Staates starben an Infektionen, Hunderte verhungerten. Es waren fast ausschliesslich alte, von ihren Besitzern aufgegebene frei herum­laufende Tiere. Sie produzierten keine Milch mehr, mit ihnen war kein Geld zu verdienen. Rindfleisch zu verkaufen, ist selbstverständlich verboten – wie auch der Verzehr des Fleisches. Das Schlachten einer Kuh wird in Rajasthan mit 10 Jahren Haft bestraft.

Verschärfter Schutz heiliger Kühe als radikales Programm

Dewasi unterlag einem unabhängigen Kandidaten. Verloren hat auch seine Partei, die Bharatiya Janata Party (BJP) des indischen Premierministers Narendra Modi. Die Wahlen in fünf Bundesstaaten brachten einen schweren Rückschlag für Modi in zentralen Gebieten der Hindu im Norden Indiens. Im Aufwind ist hingegen die oppositionelle Kongresspartei, in der nach wie vor die Ghandi-Familie grossen Einfluss hat.

Modi selbst stellt sich in wenigen Monaten einer Wiederwahl und muss jetzt um seine Mehrheit bangen. Dabei hatte er seit seiner Amtsübernahme 2014 mit radikaler Hindu-Politik grosse Erfolge verzeichnet. Zwar sind nur 15 Prozent der indischen Bevölkerung Muslime, doch Hindu-Nationalisten begrüssen es, dass etwa muslimische Ortsnamen verschwinden. Selbst der berühmte Taj Mahal, international ein Wahrzeichen Indiens, wird von radikalen Hindu abgelehnt, weil es sich um ein muslimisches Mausoleum handelt.

Zum radikalen Programm gehört auch der verschärfte Schutz heiliger Kühe. Aufgebrachte Hindu-Hetzer haben in den letzten Jahren Dutzende Menschen getötet, die sich an Kühen vergangen haben sollen. Ein muslimischer Milchbauer wurde 2017 auf offener Strasse zu Tode geprügelt. Im August mussten zwei Muslime vonder Polizei gerettet werden, als sie von Kuh-Aktivisten auf offener Strasse überfallen wurden.

Genug Geld dank Kuhsteuer

Modi hat solche Angriffe verurteilt. Ohnehin passt der Schutz der Kühe nicht immer zum modernen Indien, das der Premierminister entwickeln will. Jedes Jahr werden mehr als 10’000 Kühe alleine von Zügen überfahren, weil die Geleise nicht abgezäunt sind. Das hat die BJP aber nicht davon abgehalten, im Wahlkampf noch mehr Geld, noch mehr Schutz für heilige Kühe zu versprechen. Vergeblich.

Otaram Dewasi, der sich gerne im roten Turban und im weissen Umhang zeigt, ist aber überzeugt, dass auch seine Nachfolger dem Wohlergehen der Kühe verpflichtet sein werden: «Mit der Kuhsteuer ist ja genug Geld vorhanden.»