Wie Thailand Indonesien die Show stiehlt

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Vor zwanzig Jahren war der Baht der Kanarienvogel, der die Asienkrise ankündigte. In diesem Jahr sticht die thailändische Währung unter den Schwellenländern heraus und schlägt gar den Dollar.

Der jüngeren Generation in Thailand mag man verzeihen, wenn sie keinen Schimmer davon hat, wo die Asienkrise einst begann. Ihre Landeswährung, der Baht, steht heute wie ein Fels in der Brandung. In anderen Schwellenländern wie Indien, Indonesien, der Türkei oder den Philippinen krachen die Währungen auf neue Tiefstände, und die Angst vor weiteren Zinsschritten der US-Notenbank und vor Geldabflüssen hält dort an; das Gegensteuern der Zentralbanken mit Zinserhöhungen scheint jedenfalls nur marginal und vorübergehend zu wirken. Der Thai-Baht indessen notiert derzeit fast so fest wie der Schweizerfranken und steht als einzige südostasiatische Valuta gegenüber dem Dollar in diesem Jahr gar im Plus.

Zwanzig Jahre ist es her, dass die indonesische und die thailändische Währung gemeinsam ins Bodenlose stürzten. Alles begann damals in Bangkok, wo Ferraris, Bentleys und Eigentumswohnungen über Nacht zu Schleuderpreisen auf dem Markt waren. Heute ist in Thailand vieles anders: Wegen der hektischen Nachfrage prüft die Bank of Thailand (BoT) derzeit etwa Massnahmen zur Abkühlung des Wohnungsmarktes, darunter eine Erhöhung der Eigenmittelerfordernisse. Der Bestand an Fremdwährungsreserven, der 1998 praktisch ausgetrocknet war, liegt erstmals wieder über 200 Mrd. $. In den vergangenen zwölf Monaten verzeichnet man einen Zufluss in der Leistungsbilanz von 947 Mrd. Baht (B), also rund 30 Mrd. $.

Auffanglinie der Rupiah durchbrochen

Indonesien erlebt geradezu das Gegenteil, was schlechte Erinnerungen wachruft. Anfang 2018 setzte eine Trendwende ein, in deren Folge sich der Mittelabfluss akzentuierte, der in der ersten Jahreshälfte fast 14 Mrd. $ erreichte. Die Rupiah hat gegenüber dem Dollar am vergangenen Dienstag zudem jene Marke durchbrochen, die zuvor als psychologische Auffanglinie galt: 15 000 Rp. Der Wert erinnert denn auch an eine Art Kernschmelze, die 1998 unter anderem den Sturz des Autokraten Suharto herbeiführte und die in ausländischen Währungen hochverschuldeten Konglomerate vollends in den Ruin trieb. Auch der IMF, der dem Land damals kurzerhand einen Austeritätskurs verschrieb, war hoffnungslos überfordert. Zu dessen Sorgenkindern zählt Indonesien heute zwar nicht mehr. Aber wenn von destabilisierenden Kapitalströmen im Zusammenhang mit höheren Zinsen in den USA die Rede ist, bleibt Indonesien genauso auf dem Radar wie derzeit die Türkei und Indien. Der neuerliche Schwächeanfall der Rupiah hat sich am letzten Freitag fortgesetzt und erreicht seit Anfang 2018 damit fast 10%.

Sowohl Thailand als auch Indonesien wachsen derzeit im Bereich von 5%. Ein wesentlicher Unterschied, der zur Erklärung der divergierenden Währungsentwicklungen herangezogen wird, betrifft aber die Leistungsbilanz. Während Indonesien hier im laufenden Jahr (per September) ein Defizit von 8 Mrd. $ aufweist, was 3% des BIP entspricht, verzeichnet Thailand gemäss BoT einen Überschuss von 23,6 Mrd. $ bzw. 10,6% des BIP. Damit ist das Königreich neben Singapur derzeit das einzige südostasiatische Land mit einem deutlichen Leistungsbilanzüberschuss. Er ist vor allem auf den boomenden Tourismus und auf die stark steigenden Exporte zurückzuführen. 2017 rechnet man mit 36 Mio. ausländischen Besuchern; das wären 40% mehr als 2014. Beflügelt von hohen Autoausfuhren, hat der Export im ersten Halbjahr um 11% zugelegt.

Aus politischer Sicht mogelt sich Thailand seit dem Militärputsch vom Mai 2014 gerade so durch. Die Machthaber versprechen für 2019 Wahlen, und doch weiss jeder, dass sich das alte System à tout prix an der Macht halten wird. Wirtschaftlich indessen darf sich die Bilanz durchaus sehen lassen: Das Wachstum hat sich in den vergangenen vier Jahren leicht beschleunigt, und das Königreich wirkt nicht zuletzt aufgrund der von oben verordneten Stabilität wieder als Magnet für Investoren. In Südostasien gilt das Königreich zusammen mit Vietnam neuerdings gar als dasjenige Land, das von den Handelsstreitigkeiten zwischen China und den USA profitieren könnte.

Eindruck eines sicheren Hafens

Es ist Indonesien, das sich in diesen Tagen für die grosse Show rüstet. Auf der Ferieninsel Bali beginnt diese Woche die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IMF) und Weltbank, wo 30 000 zusätzliche Gäste aus der Finanzwelt erwartet werden. Doch der eigentliche Star aus dem südostasiatischen Raum ist Thailand. Während der indonesische Wirtschaftsminister Darmin Nasution und Notenbankchef Perry Warjiyo seit Wochen händeringend den Zerfall der Rupiah zu erklären und mit (in diesem Jahr) drei Leitzinserhöhungen auf zuletzt 5,75% zu stoppen versuchen, präsentiert sich Bangkok derzeit geradezu als sicherer Hafen: Die Wirtschaft wächst mit 4,8% im ersten Halbjahr solide. Zinserhöhungen zwecks Verteidigung der Valuta sind in Bangkok kein Thema, und der Referenzwert verharrt mit 1,5% gar deutlich unter der Fed-Rate. Im Gegensatz zu anderen Ländern, etwa den Philippinen, wo die Inflation derzeit mit 6,7% auf Rekordhöhe steht, ist Teuerung in Thailand kein Thema.