Japan: Unerhörte Kritik

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Kunio Kohori, der Oberpriester des umstrittenen Yasukuni-Schreins, hat Japans Kaiser Vorwürfe gemacht – und musste zurücktreten.

Kritik am Kaiser ist tabu – für einen Shinto-Priester erst recht. Nach nur sieben Monaten musste Kunio Kohori, Oberpriester des Yasukuni-Schreins, deshalb zurücktreten. Dabei hatte der 68-Jährige in einer internen Sitzung bloss den Groll ausgedrückt, den viele Nationalisten gegen Kaiser Akihito hegen.

Yasukuni wurde 1869 nach dem Boshin-Bürgerkrieg als Stätte der Versöhnung gebaut. Doch seither wurden die Gefallenen der Aggressionskriege Japans gegen China, Russland und im Zweiten Weltkrieg hier «eingeschreint». 2,5 Millionen Soldatenseelen ruhen symbolisch hier, auch jene Hunderter Kriegsverbrecher. Beerdigt ist in Yasukuni niemand. Das zugehörige Museum feiert Japans Kriege, der Überfall auf Pearl Harbor wird als Geniestreich dargestellt, die Kamikazepiloten als Märtyrer.

Keine Besserung in Sicht

1978 schreinten die Yasukuni-Priester in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sogar noch die 14 vom Tokioter Tribunal als Klasse-A-Kriegsverbrecher verurteilten Japaner ein. Seither sehen Japans Nachbarn im Yasukuni ein Symbol des ungebrochenen Militarismus. Als Premier Shinzo Abe 2013 voller Enthusiasmus zum Yasukuni pilgerte, pfiff Washington ihn scharf zurück. Seither schickt er Opfergaben – und seine Frau.

Kaiser Hirohito dagegen, der Vater von Akihito, weigerte sich seit 1978, Yasukuni zu besuchen. Bis zur Kapitulation 1945 selber ein Shinto-Gott, Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Armee (und also mitverantwortlich für die Kriegsverbrechen), verwandelte er sich nach dem Krieg in einen Pazifisten. Sein Sohn Akihito hat mehrfach klar Reue über Japans Aggressionen bekundet. Auch er weigert sich, Yasukuni zu besuchen. Das bleibt bis zu seiner Abdankung im April 2019 auch so – und wird sich mit seinem Nachfolger Naruhito nicht ändern.

Akihito habe im In- und Ausland Schlachtfelder besucht, um der Gefallenen zu gedenken, schimpfte Kohori in der Schrein-Sitzung mit zeitweise schriller Stimme. Aber den Yasukuni meide er. Die Weigerung des Kaisers, den Schrein zu besuchen, zerstöre Yasukuni. Und mit Naruhito werde es kaum besser, Kronprinzessin Masako hasse den Shintoismus.

2019 — ein Jahr des Niedergangs?

Der 68-Jährige war ein Karrierepriester. Er arbeitete seit dem Studium im Ise-Schrein, dem obersten Heiligtum des Shintoismus, zuletzt als dessen Oberpriester. Für seine Berufung an die Spitze des Yasukuni dürfte dies jedoch wenig Bedeutung gehabt haben, wie die Biografien seiner Vorgänger zeigen. Yasuhisa Tokugawa etwa, ein Nachfahre des Tokugawa-Clans, der Japan bis 1968 als Militärdiktatur regierte, arbeitete vor seiner Berufung zum Oberpriester im Erdölgeschäft. Das Amt ist eher politisch als religiös, der Schrein ein Zentrum der rechtsnationalen Lobby.

In seiner Tirade gegen den Kaiser verriet Kohori, warum er «die Nerven verlor», wie er hinterher sagte. Er fürchtet, 2019 würde ein Jahr des Niedergangs für den Yasukuni. Nicht nur, weil im April der sanfte Naruhito den Thron besteigt. Im Juni feiert der Schrein sein 150-jähriges Bestehen. «Zum 50. kam der Taisho-Kaiser, zum 100. der Showa-Kaiser (Hirohito) mit Kaiserin. Aber zum 150. kommt vielleicht niemand.»