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Was China und Russland mit Nordkoreas Raketentests zu tun haben

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Experten sind sich sicher: Die getesteten Waffen des Regimes sind keine Eigenproduktionen, sondern stammen aus alten Sowjet-Beständen. Für Moskau und Peking lässt sich jede politische Provokation aus Pjöngjang politisch ausschlachten.

Gastbeitrag von Joachim Krause

Der Präsident machte Eindruck. Auf seiner Jahrespressekonferenz Mitte Dezember 2017 warnte der russische Präsident Wladimir Putin seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump vor den Folgen einer Militäraktion gegen Nordkorea. Er rief alle Beteiligten im Streit über das nordkoreanische Raketenprogramm zur Besonnenheit auf und kritisierte die USA dafür, dass sie Nordkorea zu Verstößen gegen internationale Verträge provozierten. Putin wirkte an diesem Tag staatsmännischer als Donald Trump. Und sein Narrativ passt auch zu dem, das in Europa in Politik und Medien vorherrschend ist.

Diesem Narrativ zufolge hat Nordkorea in den vergangenen Jahren massiv und erfolgreich in die Herstellung von weitreichenden Raketen und Kernwaffen investiert, um so die Existenz des dortigen Regimes zu sichern, gegen eine angenommene Bedrohung aus den USA. Diese Krise sei deshalb ein Konflikt zwischen den USA und Nordkorea. Keiner wolle, dass Nordkorea Langstreckenraketen und Atomwaffen herstellt, auch Russland und China nicht. Aber die ungeschickte Politik der Vereinigten Staaten im Zusammenspiel mit der provokanten Politik Pjöngjangs habe bislang eine diplomatische Einigung verhindert.

Dieses Narrativ wird allerdings zunehmend von Experten in Frage gestellt. Besonders nachdem Nordkorea Ende November dieses Jahres eine auf Anhieb funktionierende Interkontinentalrakete geradezu aus dem Hut zauberte, haben sich viele ungläubig die Frage gestellt, wie ein Land ohne nennenswerte technologische und industrielle Basis und ohne finanzielle Ressourcen in derart kurzer Zeit technologische Sprünge mühelos bewältigen kann, die weitaus potentere Schwellenländer wie Iran, Ägypten, Pakistan oder Irak bislang nicht geschafft haben. Offenkundig ist etwas grundsätzlich falsch an dem vorherrschenden Narrativ. Und dabei stellen sich sehr kritische Fragen, was die Rolle des russischen Präsidenten betrifft.

Die derzeit gründlichste und radikalste Kritik dieser Erzählung haben die deutschen Raketenexperten Robert Schmucker und Markus Schiller in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Sirius für strategische Analysen vorgelegt. Sie gelangen zu dem Ergebnis, dass nichts darauf hinweist, dass die Langstreckenraketen, die Nordkorea in den vergangenen Jahren unter großer internationaler Aufmerksamkeit abgefeuert hatte, auch dort hergestellt worden sind. Um derartige Raketen zu entwickeln und herzustellen oder auch nur nachzubauen, hätte Nordkorea ein bestimmtes Muster an Raketentests aufweisen und einen entsprechenden, zielgerichteten Technologiepfad verfolgen müssen. Beides sei nicht der Fall gewesen.

Die angeblichen Raketentests waren „Demonstrationsschüsse“, bei denen Flugkörper zum Einsatz kamen, die einsatzfertig waren, weil sie in der Vergangenheit anderenorts ausführlich getestet und einsatzreif gemacht worden waren. Zudem zeigten die zum Einsatz gekommenen Langstreckenraketen unterschiedliche Technologiepfade auf, die in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit keinen Sinn ergaben. Bei diesen Raketen seien überwiegend Technologien zum Einsatz gekommen, die in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Sowjetunion entwickelt, getestet und dann im Rahmen des Weltraum- und des strategischen Raketenprogramms verwendet worden waren.

Die von Nordkorea abgefeuerten Langstreckenraketen seien, so Schmucker und Schiller, nicht identisch mit den bekannten sowjetischen Raketentypen. Wahrscheinlich handele es sich um Prototypen, die in den 50er- und 60er-Jahren bis zur Testreife entwickelt und hergestellt wurden, die es aber nie in die Serienproduktion schafften. Wer immer im Detail dafür verantwortlich ist – die russische Regierung oder ein kriminelles Netzwerk: Derzeit stehen die Tore Russlands für den Transfer von Raketen und Raketentechnologie nach Nordkorea weit offen.

Von dieser Warte aus betrachtet stellt sich die Frage nach einer diplomatischen Beilegung des Konflikts um die nordkoreanischen Raketen- und Kernwaffenaktivitäten in völlig anderer Weise. Die entscheidende Frage ist nicht: Wie kann man zwischen dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un und dem US-Präsidenten Donald Trump vermitteln? Viel wichtiger ist zu fragen: Wo kommen die fertigen Raketen her, die abzufeuern dem nordkoreanischen Diktator anscheinend einen Heidenspaß bereitet? Wie kommt es, dass ausgerechnet gleichzeitig mit der Besetzung der Krim und der Eröffnung eines hybriden Krieges gegen die Ukraine im Frühjahr 2014 die jüngste nordkoreanische „Testserie“ begann? Wie kann es kommen, dass aus dem streng überwachten russischen Raketenbausektor derart sensitive Technologie ihren Weg nach Nordkorea gefunden hat und immer wieder findet – bis hin zu ganzen Interkontinentalraketen?

Putin gibt sich im Konflikt als besonnener Vermittler. Es könnte ein doppeltes Spiel sein

Zwar gibt es noch keine „smoking gun“, aber vieles weist darauf hin, dass Russland hier ein schmutziges Geschäft mit Raketentransfers an Nordkorea betreibt. In der englischen Sprache werden schmutzige Geschäfte als „racketeering“ bezeichnet, in diesem Fall wäre das Wortspiel vom „rocketeering“ angebracht. Für westliche Politik kommt es daher darauf an, den russischen Präsidenten klar und deutlich zu fragen, wie es kommen kann, dass Nordkorea mit hochsensiblen russischen Raketentechnologien eine internationale Krise vom Zaum bricht.

Aber nicht nur Russland ist involviert: Unter den neueren getesteten Raketen finden sich auch zwei Typen, die geradezu identisch mit Raketen chinesischer Bauart sind. Russland wie China haben ein Interesse daran, dass die Glaubwürdigkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien in der Region erschüttert wird. Für China ist der Lärm um Korea zudem ein willkommener Anlass, um vom eigenen militärischen Vordringen in der Südchinesischen See und den andauernden Invasionsvorbereitungen gegenüber Taiwan abzulenken.

Das einzig Tröstliche an der Affäre ist, dass alle abgefeuerten Raketen zerstört sind und Nordkorea offenkundig nicht über militärisch relevante Mengen einsatzfähiger Langstreckenraketen verfügt. Von daher ist die Kriegsgefahr geringer einzuschätzen, als landläufig vermutet wird. Sorge bereiten muss, dass auf nordkoreanischem Boden im September ein Test mit einer Wasserstoffbombe stattgefunden hat. Auch hier – so die Analyse von Schmucker und Schiller – kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Bombe kein nordkoreanisches Eigenprodukt war, sondern dass eine der beiden benachbarten Kernwaffenmächte, die sich offiziell an ein nukleares Testmoratorium halten, hier einen Test auf fremdem Territorium durchführte – der sich dann politisch ausschlachten ließ.