Nordkorea: Kim hört mit

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A man speaks on the phone in front of the April 25 House of Culture, venue of the Workers' Party of Korea (WPK) congress in Pyongyang, North Korea May 6, 2016. REUTERS/Damir Sagolj - S1BETCKOAPAE

Zensur dank Vernetzung: Nordkoreas Regime sichert sich über die boomenden Smartphones die Macht

Nordkorea hat nicht nur ein Atomprogramm, es hat auch ein Smartphone-Programm. In der abgeschotteten Diktatur gibt es inzwischen ungefähr vier Millionen Menschen, die über ein Abonnement für ein Mobiltelefon verfügen, schreibt das «Wall Street Journal». Das entspricht einem Sechstel der Bevölkerung.

Heute gehören auch in Pyongyang die Handys zum Strassenbild, wie Walter Eggenberger bestätigt. Der ehemalige Moderator der TV-Sendung «10vor10» hat als Reiseleiter für den Anbieter Background Tours mehr als 15 mal Nordkorea besucht, zuletzt im Oktober. «Die Nordkoreaner zeigen ihre Smartphones, das ist heute ein Statussymbol, vor allem bei den Jungen.» Eggenberger hat mit seiner Reisegruppe auch einen neuen Vergnügungspark besucht – auf Geheiss der Regierung. «Früher durften wir nicht rein, jetzt müssen wir. Und da wird sehr viel fotografiert mit den Smartphones.» Auch der junge Führer habe sich ja ablichten lassen, das Bild ging um die Welt.

Ein Smartphone, das heisst wie ein Volkslied

Die nordkoreanischen Smartphones werden im Land selber hergestellt oder zumindest aus chinesischen Einzelteilen zusammengesetzt und kosten umgerechnet bis zu 500 US-Dollar, wie Überläufer berichten. Das am derzeit angesagte Modell sieht angeblich aus wie ein iPhone und heisst Arirang Touch, benannt nach einem nordkoreanischen Volkslied.

Praktisch alle nordkoreanischen Mobiltelefone, Laptops und Tabletcomputer laufen mit einem in Nordkorea entwickelten Betriebssystem, das vollgestopft ist mit Überwachungs- und Zensurtechnologie. Kurz: In Nordkorea dient das Smartphone dem Regime als Big Brother, der die Bürger kontrolliert. Ähnliches ist auch aus anderen Diktaturen bekannt, etwa aus China. Das Internet, das Autokraten und Herrschern zunächst als Bedrohung ihrer Macht betrachtet haben, ist unterdessen ein Mittel, um die Macht zu festigen. Das haben auch die Steinzeitkommunisten in Pyongyang realisiert.

Wer in Nordkorea das Internet benutzt, kommt über die Landesgrenzen aber nicht hinaus. Vielmehr handelt es sich um ein gigantisches Intranet, auf das die Computer im Land automatisch zugreifen. Reiseleiter Eggenberger konnte sein Schweizer Smartphone deshalb nicht gebrauchen: «Das hat da nicht funktioniert.» Früher musste er sein Mobiltelefon bei der Einreise jeweils abgeben. Das sei inzwischen nicht mehr der Fall. Offenbar ist es aus Sicht des Regimes auch nicht mehr nötig.

Sawiris-Bruder liefert Provider

Das Betriebssystem, eine lokale Version von Microsoft Windows, trägt den wenig überraschenden Namen Roter Stern. Es führt die Nutzer zu Reden von Führer Kim Jong-un. Oder zu einem der 150 lokalen Online-Shopping-Anbietern. Eine Reiseseite gibt den Nordkoreanern die Möglichkeit, ihre Ferien im kommunistischen Paradies zu planen. Und natürlich gibt es eine Website, die das Atom- und Raketenprogramm abfeiert, sowie einige E-Books, allen voran «Mit dem Jahrhundert», die achtbändige Autobiographie von Staatsgründer Kim Il-Sung, dem Grossvater des aktuellen Jungdikators.

Die Smartphones sind mit dem Netzwerk Koryolink verbunden. Dabei handelt es sich um ein 2008 gegründetes Joint Venture zwischen der nordkoreanischen Regierung und der in Ägypten basierten Telekommunikationsfirma Orascom. Dessen Vorsitzender ist Naguib Sawiris, Absolvent der ETH Zürich und Bruder von Samih Sawiris, des ägyptischen Unternehmers, der in Andermatt gross investiert. Er glaube, es sei eine gute Sache, wenn man Menschen kommunizieren lasse, lässt sich Naguib Sawiris zitieren.

Gemäss Überläufern beschränkt sich die Nutzung der Smartphones auf Anrufe, SMS, Spiele und Fotos. Wer ein Smartphone benutze, müsse damit rechnen, von der Polizei angehalten zu werden, die dann sein Gerät überprüfe. Eine Frau, die kürzlich aus dem Land geflohen ist, berichtete dem «Wall Street Journal», dass sie das Smartphone stets in einen anderen Raum ihrer Wohnung gebracht habe, sobald es kritische Bemerkungen zur Regierung gab. Dabei habe sie allerdings nicht gewusst, ob dies wirklich geholfen habe.

Nordkoreas traditionelle Machtmittel – Terror und Propaganda – hätten an Wirkung eingebüsst, sagte der geflohene nordkoreanische Ex-Diplomat Thae Yong-ho im November vor dem US-Kongress. Umso wichtiger dürften die neuen digitalen Methoden werden. «Nordkorea ist in einem Orwellschen Sinn sehr innovativ, was die Überwachung betrifft», wird Priscilla Moriuchi zitiert, eine US-Sicherheitsexpertin, die sich früher für den US-Geheimdienst NSA mit Asien und dem pazifischen Raum befasst hat. Nur ganz wenige Angehörige der nordkoreanischen Elite hätten Zugang zum externen Internet, sagt Moriuchi. Dabei handle es sich um Forscher, Angehörige der Regierung und Parteimitglieder, die für ihre Arbeit auf Informationen aus der Aussenwelt angewiesen seien.

Reiseleiter Eggenbergers lokaler Guide gehörte offenbar nicht zu diesem exklusiven Club. «Ich realisierte, dass er selbst ausländische Stellen wie etwa die Schweizer Vertretung in Pyongyang nicht anrufen konnte.» Diese Verbindung musste sich Eggenberger vom Hotel machen lassen. «Wahrscheinlich konnte das Gespräch nur auf diesem Weg abgehört werden», vermutete der Nordkorea-Kenner. «Aber daran gewöhnt man sich.» (Tages-Anzeiger)