Der Papst eilt den Rohingya zu Hilfe

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Burma und Bangladesh wollen, dass die vertriebenen Rohingya heimkehren können. Zumindest jetzt.

Immerhin, sie reden. Burma und Bangladesh verhandeln über die Rückführung Hunderttausender Rohingya. Sie haben nun sogar Unterschriften unter einen Pakt gesetzt, der den Weg zur Lösung der Flüchtlingskrise ebnen soll. Das ist ein Anfang. Und viel besser als chronische Funkstille. Das Ziel, die Flüchtlinge zurück in ihre Heimat zu bringen, ist richtig und verdient die Unterstützung der Weltgemeinschaft. Aber dafür ist es auch zwingend notwendig, dass die geschundenen Menschen Schutz vor Gewalt finden. Und sie müssen Hoffnung schöpfen können auf ein Leben in Würde. Solange diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, bleibt das unterzeichnete Papier eben nur: Papier.

Burmas buddhistische Mehrheit will nicht, dass die muslimischen Rohingya als Bürger anerkannt werden.

Manche mutmassen, dass Burma auf eine schnelle Einigung gedrängt hat, um sich rechtzeitig zu wappnen für die Ankunft des Papstes. Franziskus reist nach Asien, er wird dort für Frieden und Versöhnung beten, zuerst in Burma, dann in Bangladesh. Christen bilden in beiden Staaten nur eine kleine Minderheit. Sie werden zu den Messen strömen, aber die Botschaft des Heiligen Vaters strahlt über religiöse Grenzen hinaus. Weil der Papst die Rohingya bereits ausdrücklich in sein Gebet eingeschlossen hat, ist er zu einem der stärksten Anwälte der muslimischen Minderheit avanciert. Und so wirkt seine Reise wie ein Scheinwerfer. Sie erinnert die Welt an Gewalt, Not und Unrecht, unter denen die Vertriebenen leiden.

Burma fürchtet neue Dynamik

Aus europäischer Sicht ist das moralische Gewicht des Papstes eine bedeutsame Grösse. In Asien ist es komplizierter, Burma ist überwiegend buddhistisch, Bangladesh muslimisch. Der Papst ist in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Region eher eine Randfigur. Wenn er dort moralische Autorität ausstrahlt, dann wirkt sie stärker nach aussen als nach innen. Das erzeugt eine Dynamik, vor der sich Burma fürchtet. Das Land ist bereits mit breiter Kritik von aussen konfrontiert. Und es will vermeiden, dass sich der Druck noch erhöht. Insofern braucht Naypyidaw das Abkommen. Denn damit kann die Regierung signalisieren: Seht her, wir sind doch entschlossen, den Rohingya zu helfen.

Das allerdings passt nicht zur Analyse des Konflikts: Denn viel spricht dafür, dass das Militär die Minderheit systematisch vertrieben hat. Was das Flüchtlingspapier also wert ist, wird sich erst erweisen, wenn Klarheit über folgende Fragen herrscht: Wer garantiert die Sicherheit der Rohingya, sobald sie zurückkehren? Und welche Perspektive gibt der Staat seiner muslimischen Minderheit, damit sie nicht auf ewig diskriminiert bleibt? Burma müsste schon ein glaubwürdiges Signal aussenden, dass die Flüchtlinge eine Zukunft im Land haben. Wenn der Staat will, kann er viel dafür tun: apartheidähnliche Verhältnisse auflösen, internationale Helfer zulassen, das Staatsbürgerrecht reformieren und in einen Entwicklungsplan investieren, der sowohl Buddhisten wie Muslimen einen Weg aus der Armut weist.

Pekings schützende Hand

Die Stimmung der Mehrheit in Burma ist allerdings anders. Die wenigsten wollen, dass die Rohingya als Staatsbürger anerkannt werden. Und der Armee kommt diese Gefühlslage recht. Sie macht sich jetzt beliebt, indem sie den Wächter der Nation gibt. Die Generäle schmieden an einer Allianz mit der Mehrheit ihres Volkes, sie nähren Vorurteile gegen die muslimische Minderheit, wie sie es schon früher zu ihrem eigenen Nutzen getan haben.

Das Militär fühlt sich deshalb stark. Und es darf auf einen mächtigen Verbündeten zählen. Peking hält im UNO-Sicherheitsrat seine schützende Hand über Burma und weist dem Westen indirekt die Rolle eines Störers zu. Der Papst muss also aufpassen, dass er nicht in den Strudel geopolitischer Rivalitäten gerät. Die Mehrheit der Menschen in Burma wird ihn mit einiger Skepsis begleiten. Anwälte der Rohingya sind den meisten suspekt.

Brisanter Besuch: Franziskus soll das R-Wort meiden

Noch nie ist ein Papst nach Burma gereist. Christen bilden eine kleine Minderheit, etwa vier Prozent des Vielvölkerstaates sind protestantisch, ein Prozent sind Katholiken. Für den Hirten aus Rom ist es also eine Reise an die Aussengrenzen seiner Glaubensgemeinschaft. Szenen, in denen Hunderttausende die Strassen säumen, wird es bei dieser Reise nicht geben, weder in Burma noch auf der zweiten Station im muslimisch geprägten Bangladesh. Politisch ist der Besuch umso brisanter. Schon am Dienstag trifft Franziskus Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Sie ist das Gesicht der Reformbewegung, die sich die Macht mit dem Militär teilen muss. Der Ruf Suu Kyis hat schwer gelitten, seit die Gewalt gegen die muslimische Minderheit im Westen eskaliert ist.

Franziskus, der am Montagnachmittag in Naypyidaw erwartet wird, hat sich deutlich für die diskriminierte und rechtlose Minderheit ausgesprochen. Doch der burmesische Kardinal Charles Bo hat ihm geraten, das Wort Rohingya in seinem Land zu meiden. Die Rohingya werden von den meisten als illegale Zuwanderer betrachtet. Dass viele Muslime schon seit Generationen im Westen Burmas leben, ändert daran nichts. Ein Staatsbürgerrecht von 1982 grenzt die meisten Muslime im Westen aus.

Der Staat assoziiert mit dem Wort Rohingya separatistische Tendenzen. Zusammenstösse zwischen Muslimen und Buddhisten gab es immer wieder. Als eine selbst ernannte Heilsarmee der Rohingya, kurz Arsa, Polizeiposten attackierte, eskalierte die Gewalt. Mehr als 620 000 Rohingya flohen ins Nachbarland, die UNO und die USA sprechen von «ethnischer Säuberung», während die Armee Burmas vom legitimen Kampf gegen Extremisten spricht. Der Papst ist für seine offenen Worte bekannt, doch heisst es aus dem Vatikan, dass er den Ratschlag des örtlichen Kardinals ernst nehme. So rätseln nun viele, wie er sich äussern wird.