Willkommen in Taiwan

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China lässt Taiwan sein Missfallen spüren und lässt weniger Touristen auf die Insel reisen. In Taipeh gibt man sich unbeeindruckt und lockert die Visa-Praxis.

China verzeiht nicht so schnell. Seit die Taiwaner im Mai 2016 Tsai Ing-wen zur Präsidentin gewählt haben, lässt Peking die Insel sein Missfallen über deren selbstbewussteren Kurs spüren. Ohne den Druck der Chinesen hätte Panama kaum kürzlich die diplomatischen Beziehungen mit Taiwan aufgekündigt. Ohne Anordnung Pekings wäre wohl auch die Zahl der Besucher aus Festlandchina in Taiwan nicht derart zurückgegangen: Vor Tsais Wahl kamen monatlich bis zu 40 Prozent der Besucher vom Festland; in den vergangenen Monaten war es noch rund ein Viertel.

Solche Einbussen schmerzen in einem Land, in dem die Tourismusindustrie zu den Wachstumsfaktoren zählt. Doch statt Peking entgegenzukommen, wendet sich Präsidentin Tsai lieber ihren anderen Nachbarn zu. Auf einer Reise durch den Pazifik stellte sie kürzlich mehreren Staaten rasche Visafreiheit in Aussicht. Schon seit diesem Jahr reisen Thailänder, Australier und Filipinos ohne Visa nach Taiwan. Einer Reihe von lateinamerikanischen Ländern hat Taiwan Gleiches versprochen. Die Taktik scheint zu funktionieren: Die Schlangen am grössten Flughafen des Landes sind bisweilen so lang, dass der Weg vom Flugzeug bis zum Gepäckband eineinhalb Stunden dauern kann. Laut dem Tourismusamt konnte der Rückgang bei den Festlandchinesen durch andere Besucher abgeschwächt werden; genaue Zahlen stehen noch aus.

Hinter vorgehaltener Hand äussern Regierungsbeamte allerdings Bedenken, dass Tsais grosszügige Politik zu einem Risiko werden könnte, da es in Thailand und auf den Philippinen Gebiete gebe, in denen Islamisten das Sagen hätten. Die Kontrolle darüber, wer ins Land einreise, dürfe nicht leichtfertig aus der Hand gegeben werden. Ebenso wenig namentlich zitiert werden möchten jene Angestellten aus der Tourismusbranche, die dem gemilderten Ansturm der Besucher etwas Positives abgewinnen können. Die meist in Gruppen reisenden Gäste aus China gelten als laut und ungehobelt. Für manchen Touristenführer ist die Arbeit angenehmer geworden – die kalte Schulter des grossen Nachbarn lässt sie ziemlich kalt.