Hunderttausende Rohingya flohen in den vergangenen ­Monaten aus Burma. In den Lagern in Bangladesh ­beginnt die Verarbeitung ihrer Erfahrungen mit der Gewalt.


Sanft fliesst der Grenzfluss Naf. Die zwei Männer, die sich darin treiben lassen, sind im grellen Licht der Mittagssonne erst nur schwer zu erkennen. Beide klammern sie sich an einen gelben Kanister, bis sie endlich bangladeshischen Boden unter ihren Füssen spüren. In der Ferne knattert ein altersschwacher Kahn. Die zwei Rohingya zittern am ganzen Körper, während ein Soldat von Bangladeshs Armee sie forsch auffordert, ihre Plastikbehälter zu leeren. Aber bis auf die triefenden Hosen haben die beiden nichts aus ihrer Heimat Burma mitgebracht. Die Hände und Füsse der beiden Nichtschwimmer sind schrumpelig von den vergangenen dreieinhalb Stunden im Wasser. Doch Jubaer und Unues fühlen sich endlich in Sicherheit. ­In einem Land, wo sie nicht des Terrorismus verdächtigt werden, bloss weil sie Muslime sind; wo niemand ihre Hütten in Brand steckt; keine Soldaten ihnen Hab und Gut abnehmen und es – so die Hoffnung – endlich wieder Essen gibt.


In Burma gelten sie als rechtlose Menschen


Rund 620 000 Angehörige der Volksgruppe Rohingya haben seit Ende August den Weg nach Bangladesh unternommen. In ihrer Heimat Burma gelten sie als rechtlose Menschen; die Staatsbürgerschaft wird ihnen verweigert. Sie dürfen nicht arbeiten und leben in ständiger Angst vor Enteignung. Mindestens 1000 von ihnen kamen nach Angaben der UNO während der Kämpfe im August ums Leben. Seit Jahrzehnten diskriminieren und verfolgen die Bürger Burmas, darunter auch buddhistische Mönche, die muslimische Minderheit. Im August schlagen militante Rohingya zurück: Sie greifen mehrere Polizeistationen an und töten dabei Dutzende Sicherheitskräfte. Die Gewalt eskaliert: Burmesische Soldaten und Zivilisten stürmen Rohingya-Siedlungen in der Provinz Rakhaing. Haus um Haus, Dorf um Dorf wird angezündet und ausgelöscht.


Die Flüchtlingslager, die sich im Umkreis der Stadt Cox’s Bazar gebildet haben, sind in ihrer Grösse kaum fassbar. Bis zum Horizont erstrecken sich die mit Plastik überzogenen Bambushütten ins Land und bedecken die ehemaligen Äcker und Felder. Die Tage der Bewohner vergehen mit Anstehen und Warten. So auch für den 28-jährigen Abdul: Anstehen für den Sack Reis. Anstehen für das Füllen des Wasserkanisters. Und jetzt – anstehen für den Untersuch seines Sohnes. «Ich habe nichts mehr», sagt Abdul, und in seinem Gesicht spiegelt sich Erschöpfung, während der Arzt, Philip Hoque, Abduls Sohn ein Messband ums Ärmchen bindet. Diagnose: akute Unterernährung. Wie er leidet eines von vier geflüchteten Kindern an lebensgefährlicher Mangelernährung. «Ich bin schon Jahrzehnte im Geschäft, doch solch desolate Zustände habe ich noch nie gesehen», sagt Hoque und blickt seinen jungen Patienten an. Auch Elsbeth Müller, Geschäftsleiterin von Unicef Schweiz, ist bei ihrem Besuch vor Ort ergriffen: «Dieses Elend hat ein unvorstellbares Ausmass. Über 600 000 Menschen auf engstem Raum – und es fehlt an allem: an Latrinen, sauberem Wasser, an Nahrung und medizinischer Versorgung.»


Kindliche Galerie des Schreckens


In einem benachbarten Flüchtlingslager rennt eine Gruppe von Kindern über den trockenen Vorplatz eines Spielraumes, der sich eingepfercht zwischen den Bambushütten befindet. Hier können sie für ein paar Stunden am Tag wieder Kind sein. Dabei hilft besonders das Zeichnen beim Verarbeiten des Erlebten. Die 9-jährige Sapira sitzt im Staub und zupft an ihrem waldgrünen Rock, als sie neben ihrer Zeichnung von diesem einen Tag Ende August zu erzählen beginnt: Sie kam am Morgen zurück vom Markt. Da waren bereits Soldaten in ihrem Dorf. Immer wieder hörte Sapira sie schreien: «Verschwindet aus unserem Land, verschwindet!» Sie gossen eine Flüssigkeit auf ihr Haus und bewarfen es daraufhin mit einem brennenden Holzscheit. Während sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in den Wald lief, seien Schüsse aus einem Helikopter niedergezischt. «Wir gingen immer weiter, bis es Nacht wurde und dann die Sonne wieder kam», sagt Sapira. Die Überlebenden aus ihrem Dorf hätten anschliessend versucht, mit fünf Kähnen Bangladesh zu erreichen. Doch wenige Minuten nach der Abfahrt habe ein «grünes Schiff» erneut auf sie gefeuert und eines der Boote zum Sinken gebracht. «Ich habe die Leute von diesem Boot nie mehr gesehen», sagt Sapira.


Die Zeichnungen der Kinder reihen sich zu einer Galerie des Schreckens: Hier das Bild der 10-jährigen Shahana, die den Moment festgehalten hat, als ihre Mutter nach der Vergewaltigung von einem Soldaten erschossen wird. Da die Skizze des 11-jährigen Zohan, die zeigt, wie er neben dem Baum vorbeiläuft, an welchem drei junge Mädchen aus seinem Dorf aufgehängt sind.


«Hier können sie nicht bleiben»


Nur wenige Meter weiter sitzt Kurim hinter seinem Marktstand auf einem schiefen Plastikstuhl. Genüsslich kaut er an einem mit Tabak gefülltem Betelblatt, während er einen Burschen anweist, die gelieferten Mangosäfte aufzustapeln. Seit Jahren betreibt der Bangladesher hier zusammen mit seinem Vater den kleinen Laden. Er sei es gewohnt gewesen, in Ruhe in seinem Haus mit den vielen Bäumen vor der Tür zu leben. Doch nun seien Tausende Flüchtlinge gekommen, klagt der Händler. Seine Hütte sei umringt von einem Zeltmeer – so weit das Auge reichen mag. «Nein», sagt Kurim, «ich bin nicht wütend auf die Rohingya.» Als im August die ersten angekommen seien, habe er noch alle seine getrockneten Fische mit ihnen geteilt. «Aber sie können nicht hierbleiben. Sie sind ja doppelt so viele wie wir», sagt Kurim. Die Moschee sei täglich überlaufen, aber am schlimmsten seien die steigenden Preise. So habe er noch im August ein Kilo getrockneten Fisch für 100 Taka erhalten. Heute müsse er dafür das Doppelte berappen. «Wir haben hier doch selbst nichts, und das wenige müssen wir nun mit einem eingewanderten Volk teilen», sagt Kurim und wirft dabei die Hände in die Höhe.


Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit


Auf der internationalen Bühne hat derweilen das grosse Fingerzeigen begonnen: Menschenrechtsorganisationen und die UNO sprechen in Bezug auf die gewaltsamen Übergriffe gegen die Rohingya von einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnischer Säuberung. Das Militär von Burma wies diese Aussagen als übertrieben zurück und legte indessen ein Papier vor, in welchem es sich von jeglichen Verbrechen freispricht. So erstaunt es denn auch nicht, dass Burmas Armeechef vom Versprechen der Regierungschefin Aung San Suu Kyi abrückte, die nach Bangladesh geflüchteten Rohingya wieder zurückzunehmen.


Zurück am Grenzfluss erreicht ein aus Holz und Kunststoffkanistern gebautes Floss den Strand: 52 Kinder, Frauen und Männer harrten darauf die letzten fünf Stunden zusammengepfercht im Wasser aus. Während dieser Überfahrt setzten bei einer jungen Frau die Wehen ein. Sie wird noch an diesem Tag gebären: einen staatenlosen Jungen, einen Flüchtling, einen Verdammten.






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