Uno-Konferenz in Bonn: China scheitert als neue Klima-Weltmacht

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INNER MONGOLIA, CHINA - NOVEMBER 04: Smoke billows from a large steel plant as a Chinese labourer works at an unauthorized steel factory, foreground, on November 4, 2016 in Inner Mongolia, China. To meet China's targets to slash emissions of carbon dioxide, authorities are pushing to shut down privately owned steel, coal, and other high-polluting factories scattered across rural areas. In many cases, factory owners say they pay informal 'fines' to local inspectors and then re-open. The enforcement comes as the future of U.S. support for the 2015 Paris Agreement is in question, leaving China poised as an unlikely leader in the international effort against climate change. U.S. president-elect Donald Trump has sent mixed signals about whether he will withdraw the U.S. from commitments to curb greenhouse gases that, according to scientists, are causing the earth's temperature to rise. Trump once declared that the concept of global warming was "created" by China in order to hurt U.S. manufacturing. China's leadership has stated that any change in U.S. climate policy will not affect its commitment to implement the climate action plan. While the world's biggest polluter, China is also a global leader in establishing renewable energy sources such as wind and solar power. (Photo by Kevin Frayer/Getty Images)

Auf der Weltklimakonferenz in Bonn wollte sich China als neue Führungsmacht im Kampf gegen die Erderwärmung präsentieren. Doch dem ehrgeizigen Land droht ein Debakel.

Die Nachricht verdirbt nicht nur die Stimmung auf der Weltklimakonferenz in Bonn, sie ändert auch die Machtverhältnisse: Der menschengemachte Ausstoß des Treibhausgases CO2 nimmt 2017 wieder zu – nach drei Jahren Stagnation, berichten Forscher. Ursache sei vor allem China und seine aufstrebende Wirtschaft.

Damit ergibt sich eine erstaunliche Konstellation zwischen den beiden Weltmächten: Die USA, die unter ihrem Präsidenten Donald Trump aus dem Klimavertrag aussteigen wollen, glänzen im Vergleich zu China, das in Bonn im Kampf gegen die Erderwärmung eigentlich die Führung von den Vereinigten Staaten übernehmen wollte.

Während die USA seit dem Jahr 2000 ihren CO2-Ausstoß so deutlich wie kein anderes Industrieland eingedämmt haben, schafft China keine Bremsung. In den USA ist es vor allem die Umstellung von Kohle auf CO2-ärmeres Erdgas. In China hilft selbst das weltgrößte Netz aus erneuerbaren Energien nicht, den Neubau von Kohlekraftwerken auszugleichen.

„Bonn bietet Blick in die Zukunft“

„Bei der Klimakonferenz in Bonn wird China seine Rolle als führende Weltmacht zum Ausdruck bringen wollen, nachdem die USA große Räume freigemacht haben“, meint der China-Experte Werner Weidenfeld von der Universität München. China sei in Bonn „geradezu eingeladen, sein Erscheinungsbild attraktiver zu gestalten.“ Die Prognose des Politikwissenschaftlers: „Es wird diese Chance nutzen.“

Doch danach sieht es zur Halbzeit der Klimakonferenz nicht aus. Chinas Plan, die internationale Führungsrolle von den USA zu übernehmen, steht infrage. Mehr noch: Die Rolle des Landes auf der Klimakonferenz wird immer dubioser.

Die Tagung in Bonn ermögliche quasi einen Blick in die Zukunft, sagt Weidenfeld: „Auf der Klimakonferenz lässt sich die Machtarchitektur der Zukunft recht gut ablesen“, sagt der Politikwissenschaftler; die Bedeutung der Tagung sei „immens“.

„Alles nur Rhetorik“

Vor der Konferenz hatte China seine neue Führungsrolle reklamiert: Einen „Plan zur Brückenbildung“ hatte es angekündigt – gemeint war die Verständigung von armen und reichen Ländern: Die Klimaverhandlungen fußten von Anfang an auf der Trennung der Welt in Industrieländer, die den Klimawandel wesentlich verantworten, und Entwicklungsländer.

Seit aber China, Indien und andere Staaten ebenfalls riesige Mengen Treibhausgase produzieren, gibt es Streit: Inwieweit müssen auch die Schwellenländer in die Pflicht genommen werden? Bei zahlreichen Anlässen in den vergangenen Monaten, unter anderem zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat die chinesische Führung ihre Verantwortung für den Klimaschutz proklamiert.

Auf der Bonner Tagung indes, wenn die Mikrofone der Journalisten ausgeschaltet sind und die Verhandlungen laufen, sei von „Brückenbildung“ nichts zu spüren, berichten Delegierte. „Alles nur Rhetorik“, klagt ein Verhandler.

Kein Brückenbauer

China baue keine Brücken, sondern Einbahnstraßen: Druck gebe es einzig in Richtung der Industrieländer – insbesondere dahingehend, die finanziellen Hilfen für arme Länder aufzustocken. Mit entsprechenden Tagesordnungspunkten versuche China, Bestrebungen einer Neuordnung der Welt jenseits der Zweiteilung in Industrie- und Entwicklungsländer zu verhindern.

Anders als die USA unter ihrem früheren Präsidenten Barack Obama, die den Klimavertrag wesentlich voranbrachten, sehen Delegierte auch in Bonn wenig Opferbereitschaft bei China: Es beharre in Sachen Klima auf seinem Status als Entwicklungsland und wolle keine Verpflichtungen eingehen.

Allerdings ist der Status des Landes unstrittig speziell: Jeder Bürger Chinas erzeugt nur etwa ein Viertel so viel CO2 wie ein US-Amerikaner, der Stromverbrauch jedes Haushalts in China liegt gar nur bei einem Achtel. Gleichwohl wird China bald doppelt so viel CO2 in die Luft pusten wie die USA, weil es viel mehr Einwohner hat.

Investitionen in Kohlekraft

Gleichzeitig zu seiner Energiewende will das Großreich Hunderte Millionen Menschen aus der Armut führen – dafür sollen Hunderte Kraftwerke gebaut werden.

Das Land investiert zwar mehr in alternative Energieformen als alle anderen Staaten; sein Budget dafür beträgt mehr als ein Viertel des globalen Etats. Zudem will China Dutzende neue Kernkraftwerke bauen, sodass bereits in fünf Jahren fünfmal mehr Strom aus Kernkraft erzeugt werden kann.

Doch bleiben die Investitionen in Kohle mit Abstand am höchsten.

Um Unternehmen ökonomische Anreize für eine Energiewende zu bieten, hatte China in einigen Regionen CO2-Emissionshandel aufgesetzt – wer ausstößt, sollte ab einer bestimmten Menge zahlen. Doch der Handel läuft nicht so recht, Informationen über Ergebnisse sind widersprüchlich.

Dubiose Zahlen

Auch Informationen über Chinas Abgasbilanzen sind schwer überprüfbar, China wehrt sich gegen Transparenz; häufig wurden Angaben wesentlich korrigiert. Ende der Neunzigerjahre etwa hieß es, Kohlekraftwerke würden ein Fünftel weniger CO2 erzeugen – es war ein Irrtum, manche Kohleminen hatten ihre Zahlen schlicht nicht veröffentlicht. Erschwert werden die Rechnungen durch Hunderte kleiner Minen, die häufig illegal betrieben werden.

Die Begrenzung der Klimaerwärmung hängt allerdings wesentlich an China: Gelänge es dem Land, seine CO2-Emissionen gemäß dem selbst gesteckten Ziel 2030 gipfeln zu lassen, wäre nach Berechnungen allein damit fast die Hälfte des verbleibenden Budgets verbraucht, das die Weltgemeinschaft noch ausstoßen dürfte, um die Erwärmung nicht über zwei Grad zu treiben.

Das Auftreten der chinesischen Delegierten auf der Weltklimakonferenz in Bonn lässt Vertreter anderer Staaten an Chinas Ehrgeiz zweifeln. Ohne größeres eigenes Engagement aber dürfte dem bevölkerungsreichsten Land der Erde kaum die Führungsrolle bei den Klimaverhandlungen überlassen werden.

Ein Delegierter in Bonn winkt ab: „China hat hier nicht mehr Macht als etwa Brasilien.“