Trumps Asien-Strategie hat ein entscheidendes Manko

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Das Weisse Haus spricht nicht mehr von Asien, sondern nur noch vom «Indo-Pazifik». Was nach einer originellen Strategie klingt, krankt an einem Punkt: Dem Widerwillen Trumps gegen neue Handelsverträge.

Unter Trump wird alles anders – zumindest dem Namen nach. Der amerikanische Präsident hat soeben das Kunststück vollbracht, eine Grundsatzrede über seine Asien-Politik zu halten und dabei das Wort «Asien» kaum je in den Mund zu nehmen. Das ist kein Zufall. Denn der asiatisch-pazifische Raum hat seit kurzem in Washington einen neuen Namen: Indo-Pazifik. Trump, sonst nicht für verbale Disziplin bekannt, hielt sich am Gipfel in Vietnam eisern an die neue Sprachregelung. Er erwähnte den Indo-Pazifik gleich zehnmal, was ungewohnt klingende Sätze zur Folge hatte wie diesen: «Es ist eine Ehre, hier in Vietnam zu sein, im Herzen des Indo-Pazifiks.»
Ein neuer Fokus

Versteckt sich dahinter eine neue Asien-Strategie der USA, oder handelt es sich um eine blosse Marotte? Punkto Jargon hat die Washingtoner Bürokratie schon früher lustige Purzelbäume vorgeführt. 2005 wollte sich die Administration Bush vom Begriff «Krieg gegen den Terrorismus» trennen, weil dies für manche Ohren zu militärisch klang. So sprach die Regierung eine Weile nur noch von der «globalen Anstrengung gegen gewaltsamen Extremismus». In der englischen Abkürzung (G-Save) klang dies eher nach einem Rabattprogramm als einer politischen Strategie, und das Begriffsungetüm wurde bald entsorgt.

Trumps Indo-Pazifik hat womöglich eine längere Wortkarriere vor sich. Denn damit scheint eine neue Denkrichtung verbunden, die an Bedeutung gewinnen könnte. Der Ausdruck kursiert erst seit einigen Jahren, vor allem in akademischen Kreisen. Bis jetzt hatte ihn noch nie ein amerikanischer Präsident verwendet. An zentraler Stelle in einem Regierungstext tauchte er erstmals im letzten Monat auf, als Aussenminister Tillerson in einer Rede die Vision eines «freien, offenen und blühenden Indo-Pazifiks» beschwor.

Washington gibt für die Verbannung des Worts «asiatisch-pazifisch» keine Begründung, aber das Motiv ist unschwer erkennbar. Der neue Begriff trägt erstens dem Umstand Rechnung, dass die USA Indien zu einem strategischen Partner aufwerten wollen und immer mehr gemeinsame Interessen mit Delhi erkennen. Zweitens spiegelt er die Einsicht der Amerikaner, dass sie in Zeiten knapper Haushaltmittel und angesichts des Aufstiegs Chinas nicht mehr die Rolle der alles dominierenden Ordnungsmacht in Ostasien spielen können. Sie sind stärker als früher auf ein Netz von Bündnispartnern angewiesen, vorzugsweise demokratischen. Indien, das man auch in Washington gern als die «grösste Demokratie der Welt» bezeichnet, passt aus dieser Optik gut in diese strategische Architektur – eine vierte Hauptsäule neben den USA, Japan und Australien.

Drittens unterstreicht eine solche Architektur, wen die USA nicht als vertrauenswürdigen Akteur betrachten: China. Dies wird in Washington zwar nicht offen gesagt. Aber mit der Weitung des strategischen Blicks nach Südasien ändert sich automatisch der Fokus, und das Reich der Mitte ist nicht mehr länger das einzige regionale Schwergewicht. Mit einem leisen Seitenhieb erwähnte Tillerson kürzlich, dass Indien in wenigen Jahren China bevölkerungsmässig überholen werde.

Ein Kernstück fehlt

Viertens verweist das Konzept des Indo-Pazifiks auf das unausgeschöpfte Potenzial in dieser Region, namentlich beim innerregionalen Handel. Teil der Vision ist, dass sich alle Anrainer an gemeinsame Regeln halten – auch dies ein Seitenhieb gegen die Chinesen. Denn Pekings völkerrechtswidriger Machtanspruch auf das Südchinesische Meer und die Einschränkung der freien Schifffahrt in dieser zentralen Wasserstrasse sind mit der Vision eines «freien Indo-Pazifiks» unvereinbar.

Die Elemente einer klugen Asien-Strategie wären somit vorhanden – mit einer Ausnahme: Ohne ein Projekt der regionalen Wirtschaftsintegration fehlt der Indo-Pazifik-Idee die ökonomische Grundlage. Eine Neuauflage des von Trump torpedierten Freihandelsvertrags TPP wäre daher ein Gebot der Logik. Doch Trump sabotierte seine Strategie gleich selber, als er Ende letzter Woche lauthals über die «unfairen» Handelspraktiken asiatischer Länder wetterte und jegliches multilaterales Handelsabkommen ausschloss. Er hat damit eine riesige Chance vertan. Das Konzept eines von Amerika gestalteten indo-pazifischen Raums wird nicht funktionieren, wenn die USA gleichzeitig ihre Partner als Betrüger und Schlitzohren hinstellen und es verpassen, die wirtschaftlichen Bande mit ihnen zu stärken.