Tag für Tag kommen Hunderte neue Flüchtlinge an: Andrea Cippà, Schweizer Entwicklungshelfer in Bangladesh, über das Elend der Rohingya.


Sie waren die letzten drei Wochen in Bangladesh und haben im Flüchtlingslager gearbeitet, in dem die aus Burma geflüchteten Rohingya untergebracht sind. Wie ist die Situation vor Ort?
Die Situation ist schlimm. Es fehlt an Wasser, an Latrinen, die Nahrung ist knapp. Und es kommen immer mehr Flüchtlinge an, manchmal bis zu 10’000 an einem Tag. Die Infrastruktur des Lagers in der Region Cox’s Bazar District reicht nicht aus, um alle menschenwürdig unterzubringen. Mit seinen rund 700’000 Bewohnerinnen und Bewohnern ist es mittlerweile eines der grössten Flüchtlingslager der Welt. Hinzu kommen noch rund 300’000 Personen, die bereits früher aus Burma geflüchtet sind, viele von ihnen vor mehr als zwanzig Jahren.


Welches sind die grössten Probleme?
Es sind leider sehr
viele. Die Zone, in der die Flüchtlinge ausharren müssen, ist schlecht erschlossen und für Autos und Lastwagen schwer zugänglich. Es fehlt an Strassen, was es enorm erschwert, Hilfsgüter zu verteilen und Material für die Errichtung von Infrastruktur herbeizuschaffen.


Was geschieht mit den Flüchtlingen, wenn sie das Lager erreichen?
Im Lager sind viele internationale Hilfswerke tätig, ausserdem sind Militärs und Vertreter der Regierung von Bangladesh im Einsatz. Die Zahl der Neuankömmlinge ist aber so gross, dass die Kapazitäten der Helfenden oft nicht ausreichen. Es ist zu wenig Platz vorhanden, deshalb installieren sich die Flüchtlinge, wie und wo es gerade geht. Wenn sie das Lager erreichen, erhalten sie sauberes Trinkwasser, zu essen und falls nötig medizinische Versorgung. Ausserdem bekommen sie eine Plastikplane, aus der sie mithilfe von Stecken eine Art rudimentäres Zelt errichten. Weil das Gelände so hügelig ist, müssen sie zuvor Erde abtragen, um eine ebene Fläche für ihren notdürftigen Unterschlupf zu haben.


Wie ist der emotionale Zustand der Flüchtlinge?
Ich habe während meines Aufenthaltes im Flüchtlingslager keinerlei Aggressionen zwischen Flüchtlingen erlebt, genauso wenig wie gegenüber dem Hilfspersonal. Die Leute sind resigniert, sehr still, aber dennoch sehr kooperativ. Hinter ihrer Stille verbergen sich oft schreckliche Erlebnisse. Ich erinnere mich an eine Frau, die mit ihrem Kind im Flüchtlingslager war und immer nur ins Leere geschaut hat. Ihr Mann war in Burma umgebracht worden.


Welches war Ihre Funktion im Flüchtlingslager?
Meine Spezialgebiete sind die Wasserversorgung, die hygienischen Verhältnisse und die Abfallbeseitigung. Während der Regenzeit ist der Grundwasserspiegel relativ hoch. Dies erlaubt es, Wasser durch Bohrungen zu gewinnen, die nicht allzu tief und relativ unkompliziert sind. Jetzt beginnt jedoch die Trockenzeit. Die Bohrungen müssen also tiefer reichen, sie sind deshalb teurer und aufwendiger. Die Wasserversorgung wird also noch schwieriger werden. Die Flüchtlinge erhalten leere Behälter, die sie an den Versorgungsstellen füllen können. Sie benutzen das Wasser zum Trinken und waschen sich in einem Fluss oder in natürlichen Teichen. In den nächsten Wochen werden diese jedoch austrocknen, was die Lage zusätzlich verschlimmern dürfte.


Wie steht es um die hygienischen Verhältnisse und die Abfallversorgung?
Die Hilfswerke müssen sehr schnell sehr viele Latrinen errichten. Die Latrinen füllen sich rasch, es fehlt an Kapazitäten, sie zu leeren und die Fäkalien zu entsorgen. Dasselbe gilt für den Abfall. Die Frage, wohin man ihn bringen soll, ist nicht gelöst. Im Moment wird er provisorisch an irgendwelchen Stellen im Lager aufgehäuft. Ein weiteres schweres ökologisches Problem besteht darin, dass die Flüchtlinge Holz brauchen, um Feuer zu machen und zu kochen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die umliegenden Wälder abzuholzen.


UNO, europäische Union und andere Geber haben vor einigen Tagen Hilfsgelder im Umfang von rund 300 Millionen Franken zugesagt. Wird das reichen?
Das klingt nach viel, und es wird die Aufgabe der Hilfswerke sicher erleichtern. Aber laut UN fehlen noch mindestens 90 Millionen, nur um den nötigsten Bedarf bis Februar 2018 zu decken. Ein weiteres Problem ist der Mangel an Zeit. Es müssen jetzt sehr schnell viele Brunnen und Latrinen entstehen, ausserdem Strassen, um Material zu transportieren. Es ist denkbar, dass sich die Lage mit der Zeit bessert, aber nur, wenn nicht immer noch mehr Flüchtlinge Zuflucht im Lager suchen.


Was haben Sie sonst noch getan?
Helvetas hat zum Beispiel Wasserbehälter und Seifen verteilt und plant den Bau von Latrinen und Gemeinschaftsküchen, die mit Biogas betrieben werden. Damit werden die Wälder besser geschont, weil die Leute weniger abholzen müssen, um Feuer machen zu können. Ich habe auch Flüchtlingslager besucht, die während der letzten Flucht von Rohingya aus Burma entstanden sind, vor mehr als zwanzig Jahren. Das erlaubt Rückschlüsse darauf, wie sich die neuen Flüchtlingslager mittelfristig entwickeln könnten.


Welches waren Ihre Erkenntnisse?
Es sind Dörfer oder kleine Städte entstanden, mit ständiger Wasserversorgung, Märkten, einer eigenen Infrastruktur. Sie werden zwar immer noch vom UNO-Flüchtlingskommissariat UNHCR betrieben, aber die meisten Flüchtlinge haben zumindest Gelegenheitsjobs. Jemand pflanzt Kartoffeln an, ein anderer verkauft Plastikteller. Die Regierung von Bangladesh sagt, dass sich die Neuankömmlinge nur kurze Zeit im Land aufhalten und danach nach Burma zurückkehren werden. Deshalb ist es schwierig, in den neuen Flüchtlingslagern eine stabile, für eine langfristige Versorgung geeignete Infrastruktur aufzubauen. Aber ich befürchte, dass viele Flüchtlinge auch diesmal bleiben – zumindest für einige Zeit.


Angesichts dieser gigantischen Tragödie scheint die öffentliche Reaktion in den westlichen Ländern eher verhalten. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ja. Bei den Rohingya handelt es sich zwar ohne jeden Zweifel um echte Flüchtlinge, die in ihrem Land an Leib und Leben bedroht sind – sonst wären sie nicht Hals über Kopf ohne nichts tagelang zu Fuss über die Grenze geflüchtet. Aber ihr Schicksal wühlt uns weniger auf, weil sie so weit weg sind.






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