Die Berichte werden weniger, die Flüchtlinge nicht. Nothilfe-Experte Andreas Kasseck vom Deutschen Roten Kreuz über überfüllte Lager in Bangladesch und die Ängste der Menschen.


Herr Kasseck, weit mehr als eine halbe Million muslimische Rohingya sind in den vergangenen Wochen von Myanmar ins benachbarte Bangladesch geflohen. Sie sind vor Kurzem dort gewesen, um die Nothilfe des Deutschen Roten Kreuzes zu koordinieren. Was haben Sie vorgefunden?
Ich bin nach Cox’s Bazar gereist, das ist im äußersten Südosten Bangladeschs, direkt an der Grenze zu Myanmar. Das Erste, was man sieht, sind Reisfelder und darin ein Meer von Bambushütten. Dort leben jetzt 500.000 Menschen, mehrheitlich Kinder, auf engstem Raum! Es ist sehr laut, die Leute sind angespannt. Und sie sind in Bewegung.


Das heißt?


Improvisierte Camps werden . Oder die Familien entscheiden von sich aus, woanders hinzugehen, weil sie sich dort bessere Bedingungen erhoffen. Es gibt inzwischen Lager, in denen bis zu 200.000 Frauen, Kinder und Männer leben. Aber auch solche, die nur von ein paar hundert Familien bewohnt werden.


Existiert so etwas wie eine Infrastruktur?


Das ist ganz unterschiedlich. Es sind organisierte Lager vorhanden, weil in der Vergangenheit immer wieder Menschen aus Myanmar geflohen sind. Dort landen jetzt auch die meisten Schutzsuchenden. Das bedeutet: In diesen Lagern versuchen nicht mehr 80.000 Menschen irgendwie über die Runden zu kommen, sondern rund 200.000. Die Camps sind völlig überfüllt und somit überlastet. Man teilt sich zum Beispiel eine der wenigen Latrinen statt mit 20 oder 30 Menschen nun mit 80.


Und wie sieht die Situation in den improvisierten Lagern aus?


Das sind zumeist einfach nur Reisfelder, auf denen sich die Rohingya niedergelassen haben. Da gibt es weder Zugang zu Wasser noch sanitäre Anlagen. Wir versuchen, die dortigen Bedingungen so rasch wie möglich zu verbessern, zum Beispiel mithilfe von neuen Brunnen und Wasserfiltern. Denn wenn Latrinen und sauberes Trinkwasser fehlen, dann ist die Gefahr groß, dass Seuchen ausbrechen. Das wollen wir verhindern. Doch bei einer derart großen Anzahl von Menschen ist das schwierig.


Kommen denn noch immer Menschen in Bangladesch an?


Ja, oft zu Tausenden. Und viele Menschen sind offenbar noch unterwegs. Das ist mit Blick auf Asien sicherlich eine der größten Fluchtbewegungen der vergangenen Jahrzehnte. Jedes aufnehmende Land wird damit vor riesige Herausforderungen gestellt.


Wie sind die Rohingya in Bangladesch aufgenommen worden?


Oft sehr freundlich. Allerdings wird es mittel- und langfristig erhebliche Probleme geben. Die Flüchtlinge leben jetzt ja zum großen Teil auf Reisfeldern, die ihnen nicht gehören und die benötigt werden. Wir bemühen uns deshalb, Spannungen in den sogenannten Gastgemeinden gar nicht erst aufkommen zu lassen. Einfach ist das nicht, wenn Einheimische sich mit mehr als 500.000 Neuankömmlingen die ohnehin begrenzten Ressourcen teilen müssen.


Was berichten die Rohingya über ihr Schicksal in Myanmar?


Die Menschen, die ich getroffen habe, haben wenig erzählt. Viele sind sehr verängstigt und offenkundig traumatisiert. Denn sie haben vermutlich Angehörige und Freunde in dem Konflikt verloren.


Von Gräueltaten haben Sie nichts gehört?


Nein. Aber man kann mit bloßem Auge die Rauchsäulen über Myanmar sehen. Und es gibt ja glaubwürdige Berichte über Gewalttaten. Zudem ist das Rote Kreuz besorgt darüber, dass durch den Konflikt und die Flucht viele Familien getrennt werden.


Myanmar hat jetzt in Aussicht gestellt, die Rohingya unter bestimmten Bedingungen wieder ins Land zu lassen. Kommt eine Rückkehr für die Menschen in Betracht?


Derzeit sicherlich nicht. Die Angst ist einfach zu groß. Die Geflüchteten sind anscheinend der Auffassung, dass es für sie in ihrer alten Heimat keine Perspektive gibt. Ob sich die Menschen in absehbarer Zeit anders entscheiden – entweder, weil sich ihre Situation in Bangladesch nicht bessert oder die Lage in Myanmar sich entspannt –, ist nicht absehbar. Deshalb müssen sie jetzt erstmal vor Ort ausreichend versorgt werden.


Das Gespräch führte Christian Böhme.






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