Einige Länder Asiens – vielleicht auch China – werden 2050 vermutlich voll entwickelt sein. Viele sind der Gefahr der Middle-Income Trap aber noch nicht entronnen.


Eine Studie, die unlängst Stressfaktoren in 150 Grossstädten unter die Lupe nahm, kam zu einem für Asien wenig schmeichelhaften Ergebnis: Man muss bis auf den 42. Platz hinunterscrollen, um mit Singapur die erste lebenswerte fernöstliche Metropole zu finden. Schlimmer noch, auf den letzten zehn Positionen finden sich gleich fünf asiatische Städte. Zu diesem unseligen Klub gehört auch Manila.


Auf- und Abstieg


Asiens Herausforderungen und die urbanen Probleme liegen bei der in Manila ansässigen Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) gleichsam vor der Haustüre. In der philippinischen Hauptstadt lassen sich Megatrends aufspüren, die Asien bis 2050 prägen könnten: Urbanisierung, wachsende Einkommensunterschiede und «disruptive» Technologien; für Länder wie China, Japan, Thailand und Singapur gesellt sich dazu noch die Überalterung.


Um diese Veränderungen in den Griff zu bekommen, seien in Asien Investitionen nötig, die die Vorstellungskraft überstiegen, meint Indu Bhushan. Der für Strategieentwicklung zuständige Generaldirektor nennt die Zahl 1700 Mrd. $ – jährlich notabene. Von dieser Summe sei man noch weit entfernt. Es gehe um die Erneuerung klassischer Infrastruktur, etwa Wasser- und Stromversorgung sowie Wohnungsbau. Aber auch smarte Kommunikations- und Verkehrsnetze sind gefragt.


Als die ADB vor 50 Jahren gegründet wurde, lag auf den Schreibtischen noch Gunnar Myrdals pessimistischer Bestseller «Asian Drama». Asien lag entwicklungsmässig hinter Afrika zurück. Japan boomte, aber andernorts im Osten herrschten Kriege und Hungersnöte. In Singapur standen Hütten noch im Sumpf. Bloss auf den Philippinen – der «Perle des Orients» – liess sich anno dazumal richtig gut leben. Nun sind die Rollen zwischen Manila und Singapur gewissermassen vertauscht. Das sind auch Hinweise auf asiatische Szenarien: sAufstieg, Stagnation oder Chaos.


Wo wohl wird Asien im Jahr 2050 stehen? Bei der ADB geht man von zwei Hauptszenarien aus. Das optimistische heisst «Asian Century», das weniger schöne «Middle-Income Trap».


Hoffen auf eine Renaissance


Im ersten Fall – Ökonomen sprechen auch von Wachstumskonvergenz – erreicht der grösste Teil Asiens einen mit Europa vergleichbaren Lebensstandard. Etwa 3 Mrd. Asiaten würden in diesem Fall zu einer gut situierten Bevölkerungsschicht heranwachsen. Asiens Anteil an der Weltwirtschaft würde von heute 32% auf 52% steigen; das ist mehr, als derzeit Europa und Nordamerika zusammen erreichen. Asiens Anteil wäre fast so hoch wie vor 300 Jahren, als China und Indien erblühten und die Phantasie der Europäer beflügelten.


Eine Einschätzung der Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios lässt sich Yasuyuki Sawada nicht entlocken. Der Chefökonom der ADB beugt sich stattdessen über Blätter, die die kurzfristigen Prognosen erneut leicht nach oben korrigieren. Er ist optimistisch, weil Chinas Wirtschaft wieder anzieht und 2017 um 6,7% (statt wie früher geschätzt um 6,5%) wachsen soll. Europa erhole sich besser als gedacht, auch Südkorea habe von einer innenpolitischen Stabilisierung profitiert. Nordkorea sei für die Wachstumsmodelle derzeit kein prägender Faktor. Für die Börsen anscheinend auch nicht, fügt der Japaner mit einem Anflug von Verwunderung an.


Indien mit guten Chancen


Schiefgehen kann einiges, sogar ohne Nordkorea. Mit dem zweiten, weniger optimistischen Szenario ist jener Rückfall nach einer Startphase gemeint, der verhindert, dass eine Volkswirtschaft dank Produktivitätsgewinnen in die obere Liga aufsteigt. In der Vergangenheit haben genau dies die als «Tigerstaaten» apostrophierten Länder Taiwan, Korea, Hongkong und Singapur geschafft. China dürfte dieser Sprung aller Voraussicht nach auch gelingen. Auf Letzterem beruht der Optimismus, dass Asien seine alte Grösse wiederfindet.


Ob die anderen grösseren Länder, allen voran Indien, Indonesien, Thailand und Vietnam, grossen Schub entwickeln können, bleibt abzuwarten. Indien, wo die Wirtschaft zurzeit rund läuft und ein enormer Pool talentierter, gut ausgebildeter junger Leute besteht, hat gute Chancen. Grundsätzlich besteht laut Sawada in diesen Ländern aber die Gefahr, in einer von hohen Ressourceneinsatz getriebenen Phase steckenzubleiben, ohne grosse Produktivitätsgewinne zu erzielen.


Für Spitzenleistungen zu wenig gerüstet, für die Massenproduktion zu teuer: Beispiele dafür bieten Brasilien und Südafrika, aber auch Thailand. Ein klares Zeichen dafür sind die Wachstumsraten im Königreich, die von 8% in den achtziger und neunziger Jahren auf nunmehr unter 3% gesunken sind. Das heisst, dass sich die BIP-Zuwächse auf bescheidenere Werte – wie in hochentwickelten Volkswirtschaften – abschwächen, bevor ein komfortables Niveau erreicht wird. Der Gefahr, zu früh in der Talsohle steckenzubleiben, sind bis auf weiteres Länder wie Malaysia, die Philippinen und Bangladesh ausgesetzt.


Smarte urbane Zentren gefragt


Wohin die Reise gehen wird, wird sich gemäss ADB-Einschätzung für viele Länder Asiens in den nächsten fünf Jahren entscheiden. Ein global gültiges Schema von Konvergenz gebe es zwar nicht, betont Sawada. Wohl aber liessen sich aufgrund von Untersuchungen Faktoren eruieren, die schicksalsbestimmend seien.


Entscheidend sei zunächst, ob Wachstum wesentlich auf Produktivitätsgewinne zurückzuführen sei oder bloss Input-bezogen bleibe. Mit Blick auf das Schulsystem sei weniger die Länge der obligatorischen Schulzeit als der Anteil der tertiären Ausbildungsstufe wichtig. Signifikante Unterschiede zwischen erfolgreichen und «festgefahrenen» Ländern beständen ferner bei der Zahl der Patentanmeldungen pro Kopf der Gesamtbevölkerung. Ferner hätten nicht diejenigen Länder mit der grösseren Stromproduktion bzw. Verbrauch pro Kopf Erfolg, sondern jene, die über solche Grundversorgungen hinaus auch das Internet und seine nahezu unbeschränkten neuen Möglichkeiten nutzen würden.


Es geht um viel. Zunächst geht es um die Frage, wie lebenswert Asiens urbane Zentren in den nächsten Jahrzehnten sein werden. Chaos wie in Manila, Karachi, Dhaka und Jakarta? Oder Gartenstädte wie Singapur, Kunming, Taipeh, Bangalore und Chiang Mai? Auch bezüglich Einkommen pro Kopf lägen für 2050 zwischen dem ersten und dem zweiten Szenario Welten: Kaufkraftbereinigte 40 00 $ im Durchschnitt im ersten, 20 000 $ im zweiten Fall. Letzteres würde bedeuten, dass für mindestens zwei Milliarden Menschen viele Verheissungen der Konsumgesellschaft unrealisierbare Träume blieben.






Über AdriaMediaGroup:

Seit 1999 bilden Online-Magazine das Fundament unseres Unternehmens. Dank unser regelmäßigen Markt- und Zielgruppenanalysen kennen wir unsere Leserinnen und Leser sehr gut und wissen genau, was diese von unseren Magazinen erwarten. Mit renommierten Nachrichtenagenturen wie dpa und AFP ergänzen wir die uns zur Verfügung stehenden Informationsquellen aus Politik und Wirtschaft. Stetig entwickeln wir unsere Magazine weiter und kreieren immer wieder neue Online-Magazine, die speziell auf das entsprechende Marktumfeld angepasst sind. Ob das kleine Nischenmagazin, ein Wirtschaftsjournal im Internet oder ein Tageszeitung im Internet. Mit über 45 Millionen Seitenaufrufen pro Monat (quelle: PIWIK September 2016), zeigt sich dass unsere aktuellen Magazine vom Publikum sehr gut angenommen werden. In den 17 Jahren unserer verlegerischen Tätigkeit mussten wir uns bis heute weder einem Abmahnverfahren stellen noch jemals einen Widerruf veröffentlichen. Entgegen anderer Verlage basiert unsere Berichterstattung auf seriöser Recherche und reinen Fakten. Wir sehen in grundsolider Berichterstattung auch heute noch die Zukunft unserer Arbeit.

Die AdriaMediaGroup ist seit 1999 auf dem internationalen Markt tätig. Derzeit publiziert die ADMG auf dem deutschsprachigen Markt über 80 Online-Magazinen aus unterschiedlichsten Themenbereichen. Alle Zeitschriften werden von unserem eigenem Redaktionsteam regelmässig aktualisiert.