Japan debattiert über atomare Abwehr

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Japan rüstet auf. Der Wehretat wird 2017 zum sechsten Mal in Folge erhöht. Dabei wird in letzter Zeit vor allem mit Blick auf Nordkorea und dessen Raketentests der Ruf nach Atomwaffen immer lauter. Ein Thema, das bisher in Japan als absolutes Tabu galt.

Japan spielt Krieg – könnte man meinen, wenn man die martialischen Geräusche gehört hat, die die Menschen von Tokio bis Hokkaido vor einer Woche aus dem Schlaf gerissen haben. Raketenalarm wurde verkündet aus Megafonen und auf den Handys. Suchen Sie Schutz in soliden Gebäuden!

Eine nordkoreanische Rakete hatte den Norden Japans überflogen. Zwar wurden die Bürger in Angst und Schrecken versetzt, aber das Militär schlug keinen Alarm. Es bestand keine Gefahr. Und wenn doch? Der Sicherheitsexperte Noboru Yamaguchi sagt:

„Obwohl es natürlich keine perfekte Raketenabwehr gibt, verfügt Japan über bescheidene, aber effiziente Mittel sich zu schützen, etwa durch die Patriot- und Aegis-Waffensysteme.“

Der Ruf nach Atomwaffen kein Tabu mehr

Weshalb melden sich immer häufiger Politiker und Militärs zu Wort, die fragen, ob Japan nicht doch Atomwaffen braucht? Professor Toshihiro Nakayama ist Politikwissenschaftler an der Keio-Universität in Tokio.

„Wie Sie wissen, ist Japan das einzige Land der Welt, das eine Atombombe erlebt hat. Deswegen war das Thema, eigene Kernwaffen zu besitzen, immer tabu. Seit einigen Jahren wird es aber nun doch diskutiert.“

Der Akzent der aktuellen Debatte liegt nicht auf der Möglichkeit, eigene Nuklearwaffen zu entwickeln, sondern es den USA zu gestatten, ihre Atombomben – ähnlich wie Deutschland – auch in Japan zu stationieren. Allein damit könnte China dazu gebracht werden, Nordkorea in die Schranken zu weisen, lässt sich ein anonymer, weil regierungsnaher Experte zitieren.

Shigeru Ishiba, ehemaliger Verteidigungsminister und prominenter Rechtsausleger der Regierungspartei LDP, warf in einer Fernsehdiskussion die Frage auf, ob Japan den Schutz des amerikanischen Atomschirms überhaupt beanspruchen dürfe, wenn es seine eigenen, Anti-Atom-Grundsätze beibehalte.

Ins selbe Horn stößt General a.D. Yoshifumi Hibako. Bis 2011 war er Stabschef der „Selbstverteidigungskräfte des Heeres“, also der höchstrangige Soldat der japanischen Bodentruppen. Im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio Tokio sagt er:

„Ich denke, wir müssen mehr tun, nicht nur nehmen, sondern auch geben. Wir müssen eine gleichberechtigte, erwachsene Beziehung zu den Amerikanern aufbauen.“

„Militärisch gesehen ist die atomare Option für Japan nicht vernünftig“

Nordkorea verstärkt mit jedem Atomversuch und jeder Rakete die Argumente der Falken in Japan, zu denen auch Premierminister Abe gehört. Zurzeit steht die sechste Erhöhung des Wehretats in Folge an. Das heißt: Japan rüstet auf, aber nicht atomar. Noch nicht, sagt Professor Nakayama:

„Militärisch gesehen ist die atomare Option für Japan nicht vernünftig, solange die Allianz mit den USA funktioniert. Sollte sie irgendwann zerbrechen, müsste man die Lage ganz neu bewerten und auch eine Nuklearbewaffnung diskutieren.“