Skurriler Anblick: Auf dem Überbleibsel eines Gletschers liegt ein Felsbrocken. Dieser hat das Eis vor dem Schmelzen bewahrt – vorerst

Die Gletscher in den Hochgebirgen Asiens werden bis zum Ende des Jahrhunderts stark zurückgehen. Das gefährdet die Menschen in den umliegenden Regionen, denn eine Ressource wird besonders knapp.


Die Gletscher in den Hochgebirgen Asiens sind die drittgrößte Reserve an Frischwasser nach der Arktis und Antarktis. Die Abflüsse aus diesen Gebirgen sind von großer Bedeutung für die Versorgung der angrenzenden Regionen im Flachland mit Trinkwasser.


Im Jahr 2007 hieß es in einem Bericht des Weltklimarats (IPCC), dass die Gletscher des Himalayas infolge des globalen Klimawandels bis zum Jahr 2035 bis zu 80 Prozent verschwunden sein werden. Für diese Behauptung gab es jedoch damals keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Als die Aussage heftig kritisiert wurde, räumte der IPCC „einen bedauerlichen Fehler“ ein.


Jetzt haben Wissenschaftler unter Leitung von Philip Kraaijenbrink von der Universität Utrecht in der Fachzeitschrift „Nature“ eine Studie publiziert, die auf der Basis von Modellrechnungen im Computer Aussagen zum Rückgang der Gletscher in den Hochgebirgen Asiens macht. Demnach wird unter der Voraussetzung, dass der globale Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr als 1,5 Grad Celsius beträgt, ein Drittel der Eismasse verschwunden sein. Bereits dies würde massive Auswirkungen auf die Versorgung mit Trinkwasser in weiten Teilen Asiens haben.


Ein Drittel des Himalaya-Eises verschwindet


Dabei ist ein Temperaturanstieg von nur 1,5 Grad Celsius ein eher „positives Szenario“, wie Tobias Bolch vom Institut für Geographie der Universität Zürich betont. Der Leiter der Arbeitsgruppe Glaziologie und Geomorphodynamik hält es für wahrscheinlicher, dass der Temperaturanstieg rund 3,5 Grad Celsius betragen werde und folgert daraus: „Meines Erachtens trifft die Prognose eher zu, dass mindestens die Hälfte allen Eises Hochasiens bis 2100 geschmolzen sein wird.“


Doch das ist keine Kritik an der aktuellen Studie, sondern nur an den zu optimistischen Annahmen zur globalen Erwärmung. Unter Experten herrscht weitgehend Konsens, dass mindestens ein Drittel des Eises in der Himalaya-Region bis zum Ende des Jahrhunderts verschwunden sein wird. Selbst das wird dramatische Konsequenzen haben – nicht nur für die Trinkwasserversorgung.


„Die Gebirgskomplexe Hochasiens mit dem Tibetischen Hochland haben einen bedeutenden Einfluss auf die asiatische Monsunzirkulation und die Westwinde“, erklärt Bolch, „diese sind wiederum Teil des globalen Zirkulationssystems, und eine Veränderung würde entsprechend Auswirkungen auf die globalen klimatologischen Prozesse haben.“


Konsequenzen für den Anstieg der Meeresspiegel sind eher gering


Schnee- und eisbedeckte Oberflächen erwärmen sich nämlich weniger stark als schneefreie Flächen, was wiederum die Winde und Zirkulation beeinflusst. „Die Gletscher Hochasiens haben daher einen Einfluss auf das globale Klima. Dieser ist aber doch klar geringer als die der arktischen und antarktischen Eismassen.“


Auch für den Anstieg der Meeresspiegel spielen die abschmelzenden Gletscher Asiens eine eher kleine Rolle. Sie machen nur etwas mehr als 15 Prozent der Flächen aller Gletscher und Eiskappen aus. Und deren Abschmelzen insgesamt sei nur für rund ein Drittel des bisherigen Meeresspiegelanstiegs verantwortlich, sagt Bolch. Ein weiteres Drittel des zusätzlichen Wassers stamme von den Eisschilden der Arktis und Antarktis, und das letzte Drittel erkläre sich durch die Ausdehnung des Meereswassers durch seine Erwärmung.


Das Besondere der neuen Studie ist, dass sie erstmals auch die Schuttbedeckung des Eises, wie man sie auf Satellitenbildern sehen kann, bei den Modellrechnungen berücksichtigt. „Die Schuttbedeckung auf dem Eis hat starke Auswirkungen darauf, wie schnell das Eis die Erwärmung spürt“, stellt Professor Ben Marzeion vom Institut für Geographie der Universität Bremen fest.


Mehrere Meter Schutt auf dem Gletscher


„Gerade im westlichen Teil der asiatischen Hochgebirge kann die Schuttschicht auf den Gletscherzungen mehrere Meter dick sein, die Wärme durchdringt diese Schuttschicht dann nur sehr langsam. Weil bisher nur für einzelne der vielen Tausend Gletscher in der Region Daten darüber vorlagen, wie dick die Schuttschichten sind, war es bisher nicht möglich, ihre Effekte auf das Abschmelzen der Gletscher in großräumigen Studien zu berücksichtigen.“


Und so lobt auch Stefan Hagemann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie, dass die Studie „state of the art“ sei. „Bisher gibt es kaum Studien, in denen ein Gletschermodell auf großer Skala angewendet wurde. Solche Modelle wurden bisher üblicherweise nur für ausgewählte Gletscher benutzt.


Und das Berücksichtigen der Schuttbedeckung ist auf der großen Skala sicherlich neu. Wo diese Schuttbedeckung in größerem Maße auftritt, ist deren Berücksichtigung von Vorteil, da sich hierdurch das Verhalten der Gletscher unter geänderten Temperaturbedingungen besser abschätzen lässt.“


Insgesamt, so bilanziert Hagemann, der am Max-Planck-Institut die Arbeitsgruppe terrestrische Hydrologie leitet, seien die Prognosen konsistent mit den Erwartungen, wie sich die Gletscher im Rahmen der globalen Erwärmung verhalten werden.


„Die Gletscher in den Bergen Asiens beziehen ihre Relevanz nicht aus ihren Auswirkungen auf das globale Klima, sondern aus ihrem Einfluss auf die Wasserversorgung der regionalen Bevölkerung und der flussabwärts gelegenen Gebiete“, betont auch Florian A. Ziemen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.


Gletscher in Asien schmelzen schneller als auf Grönland


Sie sind in gewisser Weise auch als ein Frühwarnsystem zu betrachten, in dem die Auswirkungen des globalen Klimawandels früher zu erkennen sein werden als in den Polarregionen. „Berggletscher sind um ein Vielfaches dünner als die polaren Eisschilde und haben höhere Niederschlagsraten und damit einen höheren Eis-Durchsatz“, erläutert Ziemen. „Sie reagieren daher wesentlich schneller auf Klimaschwankungen als die polaren Eisschilde. In Grönland und der Antarktis können sich die Eisverluste über Jahrhunderte bis Jahrtausende ziehen.“


An der Studie der Forscher um Philip Kraaijenbrink gibt es durchaus auch Kritik, die allerdings nicht die Aussage im Großen und Ganzen infrage stellt. „Aus meiner Sicht sind die Eisdickenabschätzungen mit schwer quantifizierbaren Unsicherheiten behaftet.


Für die gesamte Region gibt es bisher keine zuverlässigen, großräumigen Messungen, an denen gegebenenfalls der Ansatz kalibriert oder validiert werden hätte können“, merkt Professor Matthias Braun vom Institut für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg an.


„Diese Abschätzungen bilden jedoch die Grundlage für die Abschmelzprozesse, die die Studie für die verschiedenen Szenarien betrachtet.“ Überdies wären eisdynamische Effekte nicht berücksichtigt worden.


Engpässe der Wasserversorgung unvermeidlich


Insgesamt kommt Braun zu dem Schluss, dass der „Fehlerbalken deutlich größer angesetzt sein müsste“. Er hält hier 20 bis 30 Prozent für angemessen, während die Autoren der Studie lediglich einen Fehlerbalken von sieben Prozent angeben. Doch auch das nimmt der Studie nicht ihre Relevanz und Dramatik.


„Es muss betont werden, dass im ‚günstigsten Fall’ zwei Drittel aller Gletscher erhalten blieben“, sagt Matthias Huss von der ETH Zürich. „Die Resultate der Studie zeigen schön auf, dass in gewissen Teilen Asiens die Gletscher-Verluste sehr stark sind, während sie anderswo geringer bleiben. Besonders in Regionen, in welchen das Klima im Sommer trocken und heiß ist, also vor allem in Zentralasien, dürfte der Gletscherrückgang auch bei Einhaltung des Pariser Abkommens zu Engpässen in der Wasserversorgung während der Sommermonate führen.“


Dabei ist ja noch nicht einmal gesichert, dass die im Pariser Abkommen formulierten Ziele auch tatsächlich erreicht werden. So oder so ist es sehr wahrscheinlich, dass Zentralasien noch in diesem Jahrhundert vor große Herausforderungen bei der Versorgung mit Trinkwasser sowie Wasser für die Landwirtschaft gestellt sein wird. Es ist nicht zu früh, sich schon heute Gedanken darüber zu machen, wie man sie meistern könnte.






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