Nie in den vergangenen 200 Jahren war der Einfluss der Chinesen auf Südostasien größer. Nie schaute die Region so enttäuscht nach Europa. Das hat nicht nur mit der Stärke Chinas zu tun, sondern auch mit der Schwäche Europas.


Der thailändische Ministerpräsident ist in Europa kein gerngesehener Gast. In Peking hingegen wird der Putsch-General herzlich willkommen geheißen. Als einziger Regierungschef Südostasiens genoss Prayuth Chan-ocha die Ehre, dort an der Konferenz der fünf Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika als Beobachter teilnehmen zu dürfen. Im Zweifelsfall wird Prayuth dies wichtiger sein, als von Berlin oder Brüssel eingeladen zu werden.


Peking bemüht sich mit aller Kraft, seinen Einfluss in der Region auszuweiten. Die Chinesen gehen schrittweise vor. Erst annektierten sie Tibet. Später fiel Hongkong zurück an China. Dann sicherte China seine Küsten und maritimen Verkehrsströme im Südchinesischen Meer, nun weitet es seinen Einfluss in den zehn Ländern im Südosten aus. Schon ist der Atem Pekings auch am Indischen Ozean zu spüren.


Diese Strategie funktioniert nur dort, wo Peking Raum geboten wird. Tibet war schwach. Im Südchinesischen Meer konnten sich die Anrainer nicht wehren, deren Schutzmacht Amerika zeigte wenig Interesse, die Landnahme aufzuhalten. In Südostasien hinterlassen vor allem die Europäer ein Vakuum. Beispiel Thailand: Europa hat die Ratifizierung des geplanten Freihandelsabkommens sowie alle bilateralen Treffen auf Ministerebene so lange ausgesetzt, wie dort das Militär herrscht. Nicht einmal die technischen Fragen werden vorverhandelt. Sollten die Soldaten eines Tages zurück in ihre Kasernen marschieren, wird Europa wieder da anfangen, wo es nach dem Putsch 2014 aufhörte. Mit einem Unterschied: China gibt nun den Ton an.


Während Europa auf wirtschaftlicher Ebene zeigt, dass es die Menschenrechtspolitik und den Mangel an Demokratie in Thailand ablehnt, wurde China dessen größter Handelspartner und Investor. Wohlgemerkt gilt die Ablehnung Europas nicht China selbst, wo die Menschenrechtslage deutlich schlimmer ist als in Thailand. Der Politikansatz, zu strafen, wo man es sich gerade noch erlauben kann, aber vor dem Riesen China einzuknicken, führt zum Gegenteil des Erwünschten: Pekings Macht in Südostasien wächst rasch.


Die Region richtet sich an Pekings Kommunisten aus


Europa findet keine Antwort auf die Anforderungen, die sich in einem schnell entwickelnden Asien stellen. Dort wächst die Zahl der autoritär geführten Staaten. Thailand wird von einer Militärjunta bestimmt. Die Philippinen regiert ein gewählter Autokrat, der die Menschenrechte mit Füßen tritt. Kambodscha geht radikal gegen die Opposition vor. In Laos hält die „Revolutionäre Partei“ ihr Land in Schach. Alle vier Länder werden von China hofiert. Vietnams Kommunisten liegen mit denen Chinas zwar über Kreuz, aber sie scheuen nicht einmal vor der Entführung eines Staatsbürgers aus Berlin zurück. In Burma findet die De-facto-Regierungschefin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi keine Lösung für die Rohingya-Minderheit, die sie für ihren Machterhalt ans Messer liefert – gestützt von Soldaten und Buddhisten, die im Hintergrund die Fäden ziehen.


Es scheint, als ob mehr und mehr Regierungen der Region sich an Pekings Kommunisten ausrichteten: Autoritarismus soll für Ruhe und Wirtschaftswachstum sorgen. Aus europäischer Sicht ist an diesem Kurs vieles falsch. Doch ist Europa in so schlechter Verfassung, dass es keinen Gegenentwurf mehr bietet. Man versteht sich nicht mehr. Die Asiaten schütteln über Europa den Kopf. Und die Europäer wundern sich über das Selbstbewusstsein und den Hang zur harten Hand in Asien. Dabei drangen jüngst 76 Prozent der europäischen Firmen in Südostasien darauf, die Handelsabkommen voranzutreiben, denn die Geschäfte laufen gut. Brüssel aber stellt sich taub.


Europa strahlt auch deshalb weniger, weil China – und zu Teilen auch Japan – den Nachbarn Konzepte bieten, die der Westen nicht hat. Finanzierung, Bau und Betrieb von Großprojekten werden staatlich besichert und finanziert über Entwicklungsbanken. In Deutschland wird lediglich über Hermes-Bürgschaften gesprochen.


Chinas Einfluss ist nicht mehr einzuholen


Der Einfluss, den China in diesen Jahren in seinem Vorhof gewinnt, ist nicht mehr wettzumachen. Zu tief sind die Pflöcke eingerammt, um sie noch zu versetzen. Zumal sich Peking mehr und mehr Infrastruktur in Südostasien zu eigen macht, Häfen, Bahnen, Einkaufsmeilen und Hotels. Sri Lanka, das seine Zinsen an Peking nicht mehr begleichen konnte und den Chinesen daher Eigentum an Großprojekten überschrieb, ist ein warnendes Beispiel. Zwar werden Stimmen lauter, die Pekings Politik kritisieren, doch hören autoritäre Regime nicht zu.


Der Staatenbund Asean begeht in diesem Sommer seinen 50. Jahrestag. Die Führungsschicht in immer mehr Ländern glaubt, dass ein Entwicklungsmodell, das irgendwo zwischen Einparteiensystem à la Peking und Militärdiktatur wie in Thailand angesiedelt ist, besser zu funktionieren scheint als eine Demokratie. Insbesondere dann, wenn man für diese Erkenntnis von Übervater Peking belohnt wird. Brüssel belohnt nicht, sondern straft. Nie in den vergangenen 200 Jahren war der Einfluss der Chinesen auf Südostasien größer. Nie schaute die Region so enttäuscht nach Europa. Das hat nicht nur mit der Stärke Chinas zu tun, sondern auch mit der Schwäche Europas.


Christoph Hein


Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.






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