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Über koreanische Köpfe hinweg

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People chant slogans during a rally calling for peace on the peninsula in central Seoul, South Korea, August 15, 2017. Park Dong-ju/Yonhap via REUTERS ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. SOUTH KOREA OUT. NO RESALES. NO ARCHIVE. - RC1519F16330

In Seoul geht die Furcht vor dem «Kissinger-Plan» und «Korea Passing» um. Das sind Ideen, wonach das Schicksal der Halbinsel vor allem zwischen den USA und China ausgehandelt würde.

In Südkorea geht die Angst um, allerdings nicht die Angst vor einem Angriff Nordkoreas. Die Südkoreaner fürchten sich vielmehr vor «Korea passing». Bis vor einigen Tagen stand dieser Neologismus für die Gefahr, die Zukunft der koreanischen Halbinsel könnte über die Köpfe der Südkoreaner hinweg in Washington, Peking oder Pyongyang entschieden werden. Am ehesten, indem US-Präsident Donald Trump mit einem Militärschlag gegen Nordkorea einen Krieg auslöst. Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in hat deshalb wiederholt betont, Washington habe ihm zugesichert, ohne Südkoreas Einwilligung keinen militärischen Angriff auf Nordkorea zu starten. Seoul lasse es unter keinen Umständen zum Krieg kommen, hatte Moon erklärt. Doch die USA haben diese Zusicherung nie offiziell bestätigt.

Zum Bankett mit Xi

Seit Mitte der Woche hat die Angst der Südkoreaner noch einen weiteren Namen: «Kissinger-Plan». Am Mittwoch berichtete Südkoreas führende konservative Tageszeitung «Joongang Ilbo», Trumps Tochter Ivanka und ihr Mann Jared Kushner würden demnächst in Peking zum Bankett mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping erwartet. Bei diesem Besuch werde Kushner Xi den Plan des ehemaligen US-Aussenministers Henry Kissinger vorstellen.

Der Nordkorea-Experte Joseph Bosco, ehemals China-Direktor im Pentagon, notierte schon im April, Kissinger habe Kushner unter seine Fittiche genommen. Damit werde Kissinger, diese «Personifizierung des verknöcherten Denkens über China», so Bosco, durch Kushner wieder in seine alte Rolle des geheimen Vermittlers zwischen Staatschefs schlüpfen – also an allen offiziellen Kanälen vorbei.

Ausgedacht haben soll sich das Treffen zwischen Xi und Kushner der chinesische Botschafter in Washington, der einen Draht zur Trump-Familie habe. «Joongang Ilbo» stützt sich auf diplomatische Quellen, etwa die japanische Botschaft in Washington. Allerdings meldete die «New York Times» am gleichen Tag, ein Besuch Kushners in Peking sei zwar geplant gewesen, unter anderem zur Vorbereitung von Trumps Staatsbesuch im November, zumal der Schwiegersohn schon Xis Besuch in Mar-a-Lago eingefädelt habe. Aber Kushner habe die Einladung nach Peking abgelehnt.

Bisherige Diplomatie gescheitert

Kissinger hat seinen Plan vor einigen Wochen im «Wall Street Journal» selber skizziert. Obwohl alle Nachbarn Nordkoreas dessen Denuklearisierung wollten, sei die bisherige Diplomatie gescheitert. Die Schlüsselspieler, die USA und China, hätten nie einen operativen Konsens gefunden. Weil China ebenfalls daran interessiert sei, dass Nordkorea sein Atomprogramm aufgebe, sogar stärker noch als Washington, hätten die USA bisher versucht, Peking als eine Art «Subunternehmer» der USA einzusetzen; in dieser Rolle sollte China Druck auf Pyongyang ausüben.

Das aber funktioniere nicht. Die wohl einzige Lösung sei deshalb, so Kissinger, dass Peking und Washington ihre Bemühungen vereinten. Dabei werde es nicht genügen, dass die Amerikaner Peking versichern, man wolle keinen einseitigen Nutzen aus der nuklearen Entwaffnung Nordkoreas ziehen. Washington und Peking müssten sich vorab auf ein gemeinsames Entwicklungsschema für Nordkorea einigen. Soweit Kissinger, der nichts von jenem Handel hält, der zur Zeit diskutiert wird. Demnach würde Nordkorea sein Atom- und Raketenprogramm einfrieren, die USA und Südkorea dafür ihre gemeinsamen Manöver einstellen.

Kim Hyun-ki, Washington-Korrespondent des «Joongang Ilbo», konkretisiert Kissingers Grand Bargain, ohne Quellen zu nennen. Demnach sollten die Chinesen das Kim-Regime stürzen, die USA würden dafür ihr Militär aus Südkorea abziehen. Obwohl Kissinger im «Wall Street Journal» schrieb, vor allem Seoul, aber auch Tokio müssten bei einem solchen Deal ein Mitspracherecht haben, fürchtet der «Joongang», die Grossmächte würden Seouls Interessen übergehen. Unklar ist, ob diese Angst begründet ist. Oder ob sie sich aus der Erfahrung der Koreaner nährt, in der Geschichte immer wieder Grossmächten ausgeliefert gewesen zu sein. Die südkoreanische Presse jammert, die Regierung Moon sei in Trumps Washington kaum vernetzt, anders als China und Japan. Zudem hat Trump die Angst vor einem «Korea Passing» mit seinen Tweets geschürt.

Amerikaner drohen schnell

Der pensionierte japanische Diplomat Hitoshi Tanaka, der 88-mal mit Pyong­yang verhandelte, sagt, die USA und Nordkorea seien die schwierigsten Länder, mit denen er solche Gespräche geführt habe. Die Amerikaner drohten schnell: «Wenn ihr nicht macht, was wir wollen, bestrafen wir euch.» Den Koreanern dagegen habe er erst lange zuhören müssen. «Die Amerikaner verstehen diese Feinheiten gar nicht.»

Kissingers Vorstellungen von einem Grand Bargain scheinen dem Diplomaten Tanaka recht zu geben.