In der Krise um Nordkorea steht China zwischen den Fronten: Es ist Mitglied des UNO-Sicherheitsrates, Gegner der USA, vor allem aber Nachbar von Nordkorea und dessen einziger Alliierter. China ist – wie die USA – gegen das Atomprogramm des nordkoreanischen Jungdiktators Kim Jong-un. Noch wichtiger aber ist Peking, dass Nordkorea weiterhin als stabiler Puffer an seiner Grenze fungiert – US-Truppen am Yalu-Fluss sind eine Horrorvorstellung für Peking.


Chinas Ambivalenz würde sich besonders deutlich manifestieren, wenn die USA einen Präventivkrieg gegen Nordkorea führen sollten. Das ist nach dem jüngsten Atombombentest Nordkoreas wieder etwas wahrscheinlicher geworden. Wie aber würde China reagieren? Wenig plausibel sei, so die gängige Experten­meinung, dass Peking wie im Koreakrieg 1950 eine Million «Freiwillige» über den Grenzfluss Yalu entsenden würde, um dem Kim-Regime beizustehen. Doch Peking bieten sich andere Möglichkeiten. Drei Szenarien:


Geostrategisches Mobbing


Mit seiner in den vergangenen Jahren massiv aufgerüsteten Marine könnte China die US Navy in der Region Ostasien zumindest herausfordern. Denkbar ist etwa eine Seeblockade zum Schutz Nordkoreas. China verfügt gemäss US-Angaben unterdessen über einen Flugzeugträger, 25 Zerstörer, 49 Fregatten und 60 U-Boote, unterteilt in drei Flotten, auf denen 215’000 Mann Dienst leisten. Das ist aktuell die zweitgrösste Kriegsmarine der Welt.


Oder aber China könnte mit einem maritimen Vorstoss im Südchinesischen Meer Fakten schaffen, während der Gegner dort, ebenfalls die US Navy, absorbiert ist. China führt im Südchinesischen Meer seit längerem die maritime Variante eines «hybriden Krieges», wie ETH-Sicherheitsexperte Prem Mahadevan schreibt – eine Kombination von konventionellen und irregulären Kampfweisen. Also eine Art geostrategisches Mobbing: In den vergangenen drei Jahren schütteten die Chinesen insgeheim mehr als ein halbes Dutzend künstliche Inseln auf mit Landepisten für Flugzeuge, Häfen und Radaranlagen. China beansprucht 80 Prozent des Südchinesischen Meers. Das sind 159 Inseln und Inselchen. Dabei geht es um Ölreserven, die wichtige Wasserstrasse zum Golf und strategische Vorposten.


Schliesslich könnte Peking versucht sein, auch im Himalaja neue territoriale Fakten zu schaffen. Das hat China bereits einmal versucht, im Oktober 1962, als die Weltöffentlichkeit wegen der Raketenkrise gebannt nach Kuba blickte – so wie jetzt nach Nordkorea. Der damals kaum bemerkte Grenzkrieg mit Indien endete mit einem Sieg Chinas, allerdings ohne grössere territoriale Gewinne. Umstritten sind derzeit 89 Quadratkilometer auf dem Doklam-Plateau: Auf 3300 Metern über Meer belauern sich China, das Königreich Bhutan und Indien. Delhi hat deshalb Truppen in den Norden entsandt, um den Siliguri-Korridor offen zu halten, das indische Nadelöhr zwischen Nepal, Bhutan und Bangladesh.


Peking hat also mehrere Möglichkeiten, um auf einen US-Angriff gegen Nordkorea zu reagieren. Dabei würde sich China die Gelegenheit bieten, den Status als asiatische Supermacht zu festigen. Die Konsequenzen wären jedoch nicht absehbar, ein grosser Krieg nicht ausgeschlossen. Frei nach dem britischen Kriegspremier Winston Churchill wäre deshalb ein amerikanischer Sieg über Nordkorea nicht das Ende des Kriegs, nicht einmal der Anfang vom Ende, sondern allenfalls nur das Ende des Anfangs.






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