Es gibt in Myanmar überdurchschnittlich viele Journalistinnen. Zur Chefredakteurin hat es bisher allerdings erst eine gebracht. Seng Mai und mischt mit ihrer Zeitung die örtliche Medienbranche ordentlich auf.


„My name is Seng Mai. I come from Myitkyina. My work is Myitkyina News Journal. I am first female editor-in-chief in Myanmar.“


Seng Mai ist Myanmars erste Chefredakteurin. Als sie vor drei Jahren das „Myitkyina News Journal“ gründete, machte vor lauter Begeisterung sogar der Pfarrer in der Sonntagsmesse dafür Werbung. Denn ohne die 27-Jährige gäbe es in Kachin, Myanmars nördlichster Provinz, so gut wie gar keinen Lokaljournalismus.


„Die Menschen hier waren lange ahnungslos“


„Wir berichten über den Friedensprozess. Wir berichten über Menschenrechtsverletzungen. Wir berichten eigentlich über alles. Die Menschen hier waren so lange ahnunglos. Unsere Zeitung hat endlich Licht ins Dunkel gebracht“, erklärt Seng Mai, die am liebsten Jeans trägt die ihr bis zu den Knien hängen.


Als sie vor fast zehn Jahren anfing als Journalistin zu arbeiten, wurde Myanmar noch von einer strengen Militärjunta regiert. 2011 leiteten die Generäle die Demokratisierung ein. Ein Jahr vor den ersten freien Wahlen 2015 startete Seng Mai mit großen Ambitionen ihre Wochenzeitung.


„Mit einer Kugel kannst du eine Person töten, mit einer Zeitung kannst du eine ganze Gesellschaft verändern.“


Bevor es ihre Zeitung gab, schaute niemand den Politikern auf die Finger. Alles, was man in der Stadt wusste, war nur Gerücht. Die Zeitung brachte die Fakten. Zuerst aber musste Seng Mai den Menschen in Kachin nahebringen, wie unabhängiger Journalismus eigentlich funktioniert.


Grundlagenarbeit in Sachen Pressefreiheit


„Es war anfangs wirklich schwierig. Die Leute haben sich geweigert, fotografiert oder interviewt zu werden. Wir mussten darüber aufklären, was Pressefreiheit ist, was eine Zeitung ist und wie wir arbeiten. Inzwischen ist es so, dass die Menschen schimpfend vor unserem Büro Schlange stehen, wenn wir einmal nicht rechtzeitig ausliefern.“


Obwohl Myanmar nach wie vor ein gesellschaftlich sehr konservatives Land ist, arbeiten gerade in den Medien überdurchschnittlich viele Frauen. Seng Mai wundert das nicht:


„Frauen brauchen bessere Noten, um an den Universitäten zugelassen zu werden als Männer. Im Journalismus hingegen gibt es keine Zugangsbeschränkungen. Deshalb wählen viele Frauen diesen Beruf.“


Frauen werden in Myanmar nach wie vor diskriminiert


Man macht es den Journalistinnen allerdings nicht leicht. Ins Feld werden meistens nur die Männer geschickt. Wenn Frauen Recherchereisen unternehmen, müssen sie manchmal schriftlich versichern, dass sie es auf eigene Gefahr tun. Auch Seng Mai kennt solche Geschichten.


„Bei den Nachwahlen 2012 gab es bei einer Wahlkampfveranstaltung ein Podest, von dem aus Journalisten einen guten Blick auf die Bühne hatten. Dort standen auch viele Frauen. Per Lautsprecher wurden alle Journalistinnen aufgefordert, runterzukommen, weil unten auch Mönche standen. Lächerlich ist das.“


In ihrer Redaktion beschäftigt Seng Mai 17 Frauen und zehn Männer.


„Ich bin die erste, die sich etwas getraut hat, was ein Mann sich eben nicht getraut hat. So ist das. Und deshalb bekomme ich Respekt.“


Pulitzer-Gewinnerin Esther Htusan als Vorbild


Seng Mais großes Vorbild ist Esther Htusan, die auch aus Kachin ist. Sie arbeitet in Myanmar für die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press. Mit einer Recherche über Südostasiens Fischindustrie hat die 29-Jährige 2000 Männer aus der Sklaverei befreit. Dafür bekamen sie und ihr Team 2015 den renommierten Pulitzer-Preis.


Htusan: „Diskriminierung von Frauen gibt es immer noch in Myanmar. Ich habe auf einem Elefanten reiten wollen, als ich auf einer Reportagereise in einem Elefantencamp war. Aber es hieß: Du darfst nicht auf einem männlichen Elefanten reiten, denn Du bist eine Frau.“


Morgen fliegt Seng Mai zurück nach Myitkyina. Nach einem Monat Training im Ausland freut sie sich sehr auf Zuhause:


„Übermorgen ist Redaktionsschluss. Dann kann endlich wieder ich selbst entscheiden, was auf den Titel soll. Die Leute merken das, wenn ich nicht da bin.“






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