Auf Druck aus China sperrt die Universität Cambridge den Online-Zugang zu kritischen Artikeln in der Fachzeitschrift „China Quarterly“. Ist das ein erstes Signal aus Peking an die akademische Welt?


Das in London herausgegebene Journal „China Quarterly“ gilt als akademische Bibel moderner Chinakunde. Historiker, Sozialwissenschaftler und Ökonomen schöpfen seit Jahrzehnten ihr Wissen über die Politik von Peking und Taipeh aus dem 1960 gegründeten, vierteljährlich erscheinenden Magazin. Seine Seriosität wird weltweit anerkannt.


Weltweit? Nun ja, China macht die Ausnahme. Chefredakteur Tim Pringle schockte Ende vergangener Woche die Öffentlichkeit mit seiner Enthüllung über eine besonders dreiste Form Pekinger Einflussnahme auf seine Zeitschrift. Die staatliche Verlags- und Pressebehörde (GAPP) verlangte von Cambridge University Press (CUP), bei dem „China Quarterly“ erscheint, den chinesischen Zugang zu 315 ihrer digitalen Artikel und Buchbesprechungen zu blockieren. Chinas oberster Zensurbehörde passten sie politisch nicht. Pringle twitterte, er sei „tief besorgt und enttäuscht“. Diese Einschränkung der akademischen Freiheit sei kein „isolierter Fall, sondern die Ausweitung einer Politik, die den Raum für öffentliches Engagement und Diskussionen in der chinesischen Gesellschaft einengt“.


Cambridge University Press argumentierte, man habe Pekings Forderungen nachgeben müssen. Man befürchtete, dass ansonsten die Volksrepublik über ihre große Firewall alle ihre Onlinepublikationen für die Nutzung innerhalb der Volksrepublik sperren lassen würde. So widerfuhr es einst Google als Strafe, weil sich der US-Internetsuchdienst der Kontrolle der Zensur nicht unterwerfen wollte. CUP sagte der Nachrichtenagentur Reuters: „Wir haben der Forderung zugestimmt, individuelle Artikel zu entfernen. Dadurch stellen wir sicher, dass andere von uns publizierte akademische oder zur Erziehung gedachte Materialien Chinas Forschern und Pädagogen weiter zugänglich bleiben.“


Verkauft Cambridge seine Seele?


Britische und amerikanische Medien nannten die Vorgänge am Wochenende einen „Skandal“. Menschenrechtsorganisationen sprachen vom „Verkauf der eigenen Seele“ . Das älteste und renommierteste Verlagshaus der Welt hätte sich einer Erpressung gebeugt. Hinzu kam, dass CUP neben den tabuisierten Artikeln auch den chinesischen Zugang zu mehr als 1000 E-Büchern auf seiner Webseite blockieren musste.


Thomas Heberer, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der „China Quarterly“ und Chinawissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen, erfuhr vergangenen Donnerstag von den Pekinger Forderungen nach innerchinesischer Zensur der Beiträge der Zeitschrift. Er sorge sich, dass ausländische Forscher zögern könnten, wie gewohnt für „China Quarterly“ zu schreiben. „Vor allem schrecken sie Chinas Akademiker ab, bei uns mitzuarbeiten“, sagt er.


Es ist der jüngste Streich des vor seiner Wiederwahl Anfang November auf dem 19. Parteitag stehenden KP-Chefs Xi Jinping. Seit seinem Amtsantritt 2012 und besonders seit Anfang 2017 lässt Xi Akademien und Universitäten, Zeitungen und soziale Onlinedienste ideologisch auf Parteilinie bringen und auf sich einschwören. Im Inneren hat die KP-Führung liberale Reformzeitschriften wie die „Yanhuang Chunqiu“ zum Schweigen gebracht, ließ unliebsame Bücher wie das die Unmündigkeit der Bürger enthüllende „Riesenbabyland China“ des Psychologen Wu Zhihong auf den Index setzen. Pekings Zensur verbot Romane wie „Ruan mai“, in dem die bekannte Schriftstellerin Fang Fang die Grausamkeiten der 70 Jahre zurückliegenden Bodenreform anprangert. Chinas Propagandisten diffamieren jede ehrliche Aufarbeitung der Geschichte als historischen „Nihilismus“.


Das Regime der Firewalls


Nach der Abschreckung der Intellektuellenszene in Hongkong, wo mehrere Buchverleger und Händler chinakritischer Literatur drangsaliert und sogar entführt wurden, damit künftig keine „subversiven“ Publikationen nach Festlandchina gelangen, ist nun das Ausland an der Reihe. Chefredakteur Pringle sagte der „South China Morning Post“, er befürchte, dass die Onlinezensur für „China Quarterly“ nur der erste Fall ist, mit dem Peking versucht, auf die ausländische Chinaforschung Einfluss zu nehmen.


Nach innen haben Chinas Kontrolleure die technologisch ausgefeiltesten Firewalls der Welt zur Abschottung gegen unliebsame Informationen aus dem freien Netz errichtet. Sie versperren die Zugänge zu Google, Twitter oder Facebook und zu Tausenden unerwünschten Webseiten. Bislang konnten technisch versierte chinesische Nutzer die Sperren mithilfe sogenannter virtueller privater Netzwerke (VPN) umgehen, die sich direkt über Satelliten mit dem Netz verbinden. Doch Peking hat begonnen, die im Inland angebotenen VPN-Umgehungswerkzeuge als illegal zu verbieten.


Die drei T-Tabus: Tibet, Taiwan, Tiananmen


Die Zensoren müssen monatelang gebraucht haben, um die 315 von ihnen geächteten Artikel im riesigen Onlinebestand von „China Quarterly“ entdeckt zu haben. Ihre Liste ist 51 Seiten lang und beginnt mit digital nacherfassten Artikeln aus dem Jahr 1960. Zu den in Peking unwillkommenen Beiträgen gehören Aufsätze von China-Experten wie Roderick MacFarquhar, Ezra Vogel oder David Shambaugh. Auch deutschsprachige Akademiker, die in „China Quarterly“ publizierten oder deren Bücher dort besprochen wurden, werden genannt. Die meisten indizierten Beiträge fallen unter die „drei T-Tabus“, sind also Berichte über die Lage in Tibet, auf Taiwan und über das Tiananmen-Massaker 1989. Auch Chinas Unruheprovinz Xinjiang, die Verfolgung der Meditationsgruppe Falun Gong, Analysen der Politik Maos, seines verheerenden „Großen Sprungs nach vorn“ oder der Kulturrevolution gehören zu den verbotenen Themen.


Die Zensurliste gibt ungewollt Einblick, bei welchen Themen die Partei kritische ausländische Sichtweisen nicht mehr tolerieren will. Chinas Geschichte soll nicht aufgearbeitet oder bewältigt, sondern nach altem sozialistischen Schema neu erzählt werden. Daran, so das Kalkül der Pekinger Zensoren, soll sich künftig auch das akademische Ausland orientieren, wenn es seinen Zugang zur Volksrepublik behalten möchte.






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