Laut Experten stammen die nordkoreanischen Raketen nicht aus eigener Produktion.


Nordkorea hat seine raschen Fortschritte bei der Raketentechnik laut Expertenmeinung ausländischer Technologie zu verdanken. Das International Institute for Strategic Studies (IISS) vermutet in einer Studie, dass die Technik aus der Ukraine kommt. Der IISS-Experte Michael Elleman sagte der «New York Times», es sei «wahrscheinlich», dass der Antrieb für die neuen nord­koreanischen Mittelstrecken- und Interkontinentalraketen aus Beständen der ukrainischen Firma Juschmasch stamme. Er sei «vermutlich illegal» über Waffenhändler nach Nordkorea gelangt. Die Regierung in Kiew bestreitet dies ­alles allerdings.


Auch Juschmasch wies die Vorwürfe umgehend zurück und schloss aus, dass eigene Mitarbeiter an einem Deal mit Nordkorea beteiligt sein könnten. Nicht aber, dass Kopien der Triebwerke nach Nordkorea gelangt sein könnten. «Unsere Triebwerke sind hoch geschätzt und werden weltweit eingesetzt», sagt Chefkonstrukteur Alex­ander Degtjarjow. «Vielleicht ist es ­irgendwo gelungen, Kopien zu machen.»


Dass Nordkorea keine Raketen entwickelt, sondern Komponenten wie Triebwerke importiert und die Waffen dann bloss zusammenbaut, vermutet auch Robert Schmucker, Professor für Raketentechnik an der Technischen Universität München, in einer detaillierten Analyse aller Raketen, die Pyongyang bisher präsentiert hat. Schmucker nennt die Abschüsse nicht «Raketentests», sondern «Demonstrationsabschüsse». Falls es den Herkunftsländern gelänge, «Nordkorea den Hahn abzudrehen», könnten Pyongyangs Raketenstarts erschwert oder verhindert werden.


«Kein anderes Land hat so schnelle Fortschritte gemacht»


Schmucker und sein Co-Autor Markus Schiller haben aufgrund von Fotos, Flugbahnen und anderer Daten die etwa hundert seit 1984 von Nordkorea abgeschossenen Raketen analysiert. Sie haben sie mit Modellen anderer Staaten verglichen. Demnach gehören sieben der nordkoreanischen Raketen zur Scud-Familie, sie seien vom russischen Makeyev-Raketenbüro konstruiert worden. Allen Flüssigtreibstoffraketen Nordkoreas weist Schmucker eine ex-­sowjetische Herkunft nach.


Raketenbauer, so Schmucker, analysieren jeden Test, um Korrekturen vorzunehmen. Die Hwasong-10-Raketen aber zum Beispiel wurden im Frühling 2016 in einer so «schnellen Sequenz» gestartet, dass «Korrekturmassnahmen nach Fehlversuchen» unmöglich gewesen seien. Deshalb handelte es sich um «Demonstrationsschüsse eines nahezu fertigen Gerätes und nicht um Entwicklungsaktivitäten».


Nordkorea überraschte die Weltöffentlichkeit in den letzten Jahren mit sieben neuen Modellen, darunter die Hwasong-12 und die Hwasong-14. Letztere, die diesen Juli getestet wurde, ­feierte Pyongyang als grossen Sprung nach vorn. «Kein anderes Land hat so schnelle Fortschritte gemacht», kon­statiert auch Michael Elleman vom Institute for Strategic Studies. Und er zieht den gleichen Schluss wie Schmucker: «Nordkorea hat die Hochleistungs-Flüssigstoff­triebwerke im Ausland erworben.»


Er vermutet, die Motoren oder zumindest die Konstruktionspläne für die Hwasong-12 und -14 stammten von der ukrainischen Waffenschmiede Juschmasch in Dnipro, die seit dem Sturz des moskaufreundlichen Präsidenten Wiktor Janukowitsch in grossen Geldschwierigkeiten stecke.


Womöglich wurden sie sogar auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Die Regierung in Kiew hat das als «antiukrainische Kampagne» Moskaus dementiert. Während Nordkoreas Flüssigtreibstoffraketen aus der Ex-Sowjetunion stammen, so Schmucker, seien bei den Feststoffraketen «die Ähnlichkeiten mit chinesischen Modellen frappierend». Das entspreche der Marktaufteilung zwischen China und Ländern der früheren Sowjetunion. Vor drei Jahren zeigte Nordkorea erstmals Feststoffraketen, sie tauchten ebenfalls quasi über Nacht auf. Dabei gebe es keine Hinweise auf nordkoreanische Anlagen zur Herstellung von Festkraftstoffen.


Schmucker behauptet nicht, die russische oder die chinesische Regierung lieferten Nordkorea Raketen. Das sei zwar eine Möglichkeit, es könnte sich aber auch um einzelne Institutionen in diesen Ländern handeln. «Regierungen können das ignorieren, sofern sie davon überhaupt Kenntnis haben, oder tolerieren bis forcieren, weil es im politischen Spiel Vorteile bringt.»


Der Experte hält es sogar für denkbar, dass Nordkorea die Starts als Aufträge durchführe, also gewissermassen als Testgelände fungiere. «Vor allem Raketen mit festen Treibstoffen altern relativ schnell. Deshalb muss die Funktionsfähigkeit turnusmässig durch Abschüsse überprüft werden.» Schmucker schliesst daraus, es gebe «keinerlei Hinweis auf ein eigenständiges Entwicklungs- oder Fertigungsprogramm ballistischer Raketen und keinen Hinweis auf entsprechende Fähigkeiten» Nordkoreas. Die vielen Abschüsse hält er für einen «gross­ angelegten Bluff».






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