Die Bewegung für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben ist in Taiwan weiter als anderswo in Asien. Die „Ehe für Alle“ – ein Thema, das endlich aus den Schmuddelwinkeln der Hinterhöfe heraus und in den Rathäusern und im Parlament der Inselrepublik angekommen ist. Gezwungenermaßen, wenn man so will, meint der Psychotherapeut Chang Rong: „Wir sind froh darüber, dass die Frage jetzt vom Verfassungsgericht entschieden wurde. Denn der ursprüngliche Plan war, ein Sondergesetz zu machen. Aber das kann man unendlich in die Länge ziehen. Wir hätten vielleicht noch 20 Jahre warten müssen bis zur Hochzeit. Aber das Verfassungsgericht verlangt eine Regelung binnen zwei Jahren.“


Verfassungsgericht entscheidet für Recht auf Heirat


Dass ausgerechnet die obersten Richter die „Ehe für alle“ angeschoben haben, lag an einem Präzedenzfall: Nach 36 Jahren schwuler Lebensgemeinschaft drohte einer der Partner zu sterben. Der andere durfte weder über medizinische Maßnahmen entscheiden, noch hatte er einen Versorgungsanspruch. Die zuständige Verwaltung der Hauptstadt Taipeh wandte sich zur Klärung der Rechtslage an den „Council of Grand Justices“, wie das Verfassungsgericht in Taiwan heißt. Und das entschied am 24. Mai, es sei verfassungswidrig, Menschen gleichen Geschlechts das Recht auf Heirat zu verweigern. Ein inoffizieller Feiertag für die Betroffenen und ihre Lobbyisten, wie Jennifer Lu: „Wenn das Gesetz erst verabschiedet ist, sind gleichgeschlechtliche Paare in allen rechtlichen Beziehungen heterosexuellen gleichgestellt. Egal ob es um die Versorgung, die Steuern, das Erbe geht.“


Die Debatte über das Gesetz läuft noch


Anders als in Deutschland ist das Gesetz zur „Ehe für Alle“ aber noch nicht beschlossen. Dem Parlament liegen zwei Entwürfe vor, es gibt noch viel zu debattieren. Doch schon vorher hatten der 35-jährige Chang Rong und sein 30-jähriger Freund Grady eine Hochzeitszeremonie abgehalten. „Bis Anfang des Jahres hatte ich meine Liebe zu Grady vor meiner Familie geheim gehalten. Aber als wir uns zu dieser Feier entschlossen, musste ich entscheiden, ob ich es meiner Mutter sage. Das war nicht einfach. Ich habe fünf ältere Schwestern, und meine Familie ist sehr traditionell. Als einziger Stammhalter bin ich für den Nachwuchs zuständig. Zu Neujahr habe ich dann mit meiner Mutter gesprochen.“


Grady ging es ähnlich. Auch der 30-Jährige hat das Neujahrsfest genutzt, „um meine Mutter und meinen älteren Bruder einzuweihen. Mein Vater weiß noch nichts, auch mein Großvater nicht. Meine Mutter möchte nicht, dass es die ganze Familie oder die Nachbarn erfahren. Sie möchte auch nicht, dass ich Chang Rong mit nach Hause bringe. Er soll möglichst unsichtbar sein.“


Die schwierige Suche nach einer Wohnung


Chang und Grady, die beiden Männer sind seit acht Jahren zusammen, seit sieben Jahren wohnen sie in einer billigen Stadtwohnung mit einem Kater und neuerdings einer abgestürzten Taube. Die Wohnung haben sie nur bekommen, weil sie sich als Freunde vorgestellt haben, nicht als Liebespaar. Irgendwann ist der Vermieter wohl dahinter gekommen, aber er sagt nichts. Taipehs Stadtrat hat jetzt verfügt, dass sich schwule Paare für Sozialwohnungen bewerben können. Es geht also vorwärts.


Outing bleibt auch in Taiwan ein Problem


Trotzdem fällt es Chang Rong und Grady noch immer unsagbar schwer, sich öffentlich zu ihrer Beziehung zu bekennen. Die konfuzianischen Traditionen stehen der modernen Rechtsentwicklung diametral entgegen. Grady hat größere Probleme mit dem sogenannten Outing als sein Partner. Denn der arbeitet ohnehin in einer AIDS-Beratungsstelle und musste, wie er sagt, dort nie etwas verbergen. Grady aber ist Software-Ingenieur: „Ich habe bisher in drei verschiedenen Firmen gearbeitet. Bei den ersten beiden habe ich nur sehr vorsichtig einzelne Kollegen ins Bild gesetzt, weil es heißt, wenn die Chefs erfahren, dass du schwul bist, hast du keine Aufstiegschancen mehr. Da wo ich jetzt arbeite, war das anders. Da sind einige Kollegen zu unserer Hochzeitszeremonie erschienen und haben das auf Facebook gepostet. Dadurch haben es auch Leute in den oberen Etagen erfahren, die sich vorher negativ geäußert haben. Aber bisher habe ich keine Konsequenzen gespürt.“


Die Angst vor Ablehnung bleibt groß


Jennifer Lu kennt die Probleme aus ihrer Beratungspraxis: die Angst, von den Kollegen im Betrieb gemieden oder gehänselt zu werden, der Druck aus der Familie. „Deswegen haben sich die meisten Homosexuellen in Taiwan noch nicht zu ihrer Neigung bekannt. Sie leben zwar vielleicht in ihren homosexuellen Zirkeln, aber die Eltern wissen nichts davon. Das hat auch damit zu tun, dass man der Familie den Gesichtsverlust ersparen will. Andererseits haben Homosexuelle ja auch die Möglichkeit, sich mit der Familie auszusöhnen, wenn sie Kinder kriegen. Das geht ja heute ohne Weiteres. Dann ist das Problem mit den Enkeln gelöst.“


Christliche Fundamentalisten als Gegner


Allerdings erlaubt das taiwanische Gesetz künstliche Befruchtung bisher nur heterosexuellen Eheleuten, ein Relikt der traditionellen Vorstellung, dass Männer über den Körper der Frau entscheiden.


Die härtesten Gegner der „Ehe für alle“ sind in Taiwan christliche Fundamentalisten. Sie behaupten noch immer, Homosexualität sei eine Krankheit. Dabei bekennen sich unter den 23 Millionen Taiwanern gerade mal fünf Prozent zum Christentum. Jennifer Lu: „Es sind nur wenige, aber die sind gut organisiert und können Leute, die eigentlich gar keine Meinung dazu haben, stark beeinflussen. Die Regierung müsste mehr Aufklärung betreiben, damit keine Falschinformationen in Umlauf kommen.“


Taiwan wandelt sich trotzdem schnell


Chang Rong und Grady müssen erst mal den rapiden Wandel in ihrer Gesellschaft verdauen. Für sie ist Nachwuchs noch kein Thema, sagt der ältere der beiden: „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es ein solches Gesetz überhaupt geben würde. Mit 25 habe ich mir endlich eingestanden, dass ich schwul bin. Und nun, zehn Jahre später, erklärt mir ein Vorgesetzter bei unserer Feier, ich könnte Heiratsurlaub beantragen!“, sagt Chang und fügt dann mit einem liebevoll tadelnden Blick auf seinen Mann hinzu: „Außerdem benimmt sich Grady manchmal selber noch wie ein Kind. Wir haben einen Kater und eine kranke Taube. Wenn ich mir vorstelle, da kommt noch ein Kind dazu und dann fliegt die Taube rum, die Katze rennt hinter der Taube her, das Kind rennt hinter der Katze her – und Grady hockt rum und tut so, als hätte er nichts damit zu tun – da fühle ich mich dann doch überfordert.“






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