Philippinen: Allein gelassen

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Warum arme Länder durch den Klimawandelt noch ärmer werden

Von Jacque Manabat

Die Philippinen gehören zu den Ländern, die am stärksten unter dem steigenden Meeresspiegel leiden werden. Und auch die Philippinen bleiben, wie so viele andere Länder, auf den Kosten sitzen. Von den Industrienationen, den Verursachern des Klimawandels, kommt keine Hilfe.

In der Hauptstadt Manila ist der Meeresspiegel, relativ zur Küste, in den vergangenen Jahrzehnten um 80 Zentimeter gestiegen, im zentralen Legaspi sind es 30 Zentimeter und in der südlichen Davao-Bucht sind es immerhin noch 24 Zentimeter.

Es trifft fast die gesamte Bevölkerung. Denn die Filipinos wohnen am Wasser: Das Land besteht aus 7.000 Inseln und 36.000 Kilometern Küste. Die Inseln sind flach, die Buchten ragen weit ins Land. Das macht sie anfälliger für steigende Meeresspiegel. „Hinzu kommen die tropischen Wirbelstürme. Wenn wir nicht schnell schützende Maßnahmen ergreifen, ist unsere Landwirtschaft und damit unsere Ernährung gefährdet”, sagt die philippinische Klimaexpertin Analiza Solis.

Laut einer Studie der Asian Development Bank von 2012 gehören die Philippinen zu den fünf am meisten vom Klimawandel bedrohten Ländern. Am stärksten betroffen werden die Bewohner der Küsten im Osten sein: Dort drückt der Wind zusätzlich Wasser in ihre Buchten.

Der fünfte Weltklimabericht des UNO-Rates IPCC prognostiziert: Der Anstieg der Meere wird sich beschleunigen. Das wird verheerende Folgen für die Philippinen haben: Höhere Wasserpegel in den Buchten bedeuten, dass Taifune noch mehr Schaden anrichten können. Rund 20 tropische Stürme ziehen pro Jahr über das Land.

Nach einer Studie der Umweltschutzorganisation WWF werden mehr als 13 Millionen Filipinos aus den Küstengebieten umgesiedelt werden müssen. Schon jetzt erreicht das Hochwasser Gebiete, die nie zuvor überschwemmt wurden. Betroffen sind vor allem ärmere Filipinos, die häufig in zusammengezimmerten Behausungen leben, die schon bei leichteren Stürmen einstürzen können.

Dies hat einmal mehr der Taifun Haiyan bewiesen, der im Jahr 2013 wütete und zu einem der stärksten jemals gemessenen Stürmen zählt. Er spülte erntefertigen Reis davon. Boote und Fischereianlagen wurden zerstört. Viele Menschen hatten keinen Zugang mehr zu Nahrungsmitteln. Schätzungsweise 6 Millionen Menschen in der Visayas Region wurden von Haiyan vertrieben.

Auch die Tierwelt ist von den großen klimatischen Veränderungen betroffen. Das Tubbataha Riff auf der Insel Palawan ist ein wertvolles Habitat für Seevögel. Die Insel verschwindet langsam. Sie ist von 1,5 Hektar auf 1,1 Hektar geschrumpft, seitdem sie 2004 erstmals vermessen wurde.

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen geht davon aus, dass der Anstieg des Meeresspiegels das Wachstum von Pflanzen stören kann, dass Getreidefelder überschwemmt werden, dass sich durch stehendes Wasser vemehrt Krankheiten wie Dengue-Fieber ausbreiten könnten. Aber bis heute haben die Philippinen noch keine Antwort auf die Bedrohungen für Mensch und Tier. Sie haben keine Ressourcen, um diese Gefahren abzuwenden. Und die internationale Gemeinschaft tut wenig, um den ersten Opfern des Klimawandels zu helfen.

„Wir haben von den reichen Ländern kein Geld gesehen, um uns zu helfen, uns anzupassen. So können wir nicht weitermachen. Das ist kein Leben, wenn wir am Ende immer vor Stürmen davonlaufen müssen“, sagt Naderev Saño, der die Philippinen auf den internationalen UNO-Konferenzen zum Klimawandel vertritt. Jeder zerstörerische Tropensturm koste sein Land zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes, weitere zwei Prozent müssten in den Wiederaufbau gesteckt werden.

Für ein Entwicklungsland wie die Philippinen mit fast 100 Millionen Bürgern, verteilt über tausende von Inseln, ist es eine unlösbare Herausforderung, die Betroffenen umzusiedeln. Bei Stürmen verwandeln sich schon jetzt öffentliche Schulen in Evakuierungszentren und beherbergen hunderte vertriebene Familien. Wenn das Hochwasser nachlässt, gehen die Bewohner an die Küsten zurück, um ihre Existenz neu zu starten. Sie sagen, sie müssten Nahrung finden – und hätten keine andere Wahl.

Jacque Manabat ist philippinische Journalistin und war Fellow der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Berliner Redaktion von correctiv.