Südkorea bietet dem verfeindeten Norden Gespräche an

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Mitten in der scharfen Auseinandersetzung um Nordkoreas Atomwaffenprogramm bietet Südkoreas frisch gewählter Präsident Moon Jae-In dem verfeindeten Nachbarn im Norden Gespräche an. Und legt dem notorisch misstrauischen Regime in Pjöngjang gleich ein Angebot vor. Von humanitären Hilfslieferungen ist die Rede, einem neuen Anlauf für die Zusammenführung von Familien, die seit dem Koreakrieg in den 1950er Jahren auseinandergerissen sind. Das südkoreanische Militär erklärte sich sogar bereit, die Lautsprecherpropaganda an der Grenze einzustellen, die seit Nordkoreas Atomtest 2016 ununterbrochen läuft und dem Regime in Pjöngjang ein Ärgernis ist.

Denn der Zeitpunkt für eine Annäherung könnte nicht besser sein. Da ist zum einen der innenpolitische Wandel in Südkorea. Im Frühjahr musste Moons rechtskonservative Amtsvorgängerin Park Geun Hye wegen des Verdachts der schweren Korruption zurücktreten. Sie sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Park stand jedoch nicht nur für Bestechlichkeit, Amtsmissbrauch und Vetternwirtschaft, sondern auch für einen extrem harten Kurs im Umgang mit dem Nachbarn im Norden.

Der linksliberale Menschenrechtsanwalt Moon weiß eine große Mehrheit der Südkoreaner hinter sich. Seine Annäherungspolitik ist innenpolitisch also legitimiert.

Auch außenpolitisch haben sich die Parameter geändert. Südkorea kann nicht länger auf die einstige Schutzmacht USA setzen. Das hat Vor- und Nachteile zugleich. Unter Trump haben die Vereinigten Staaten keine konkrete Strategie mehr im Umgang mit dem Regime in Nordkorea. Der große Nachteil ist sicherlich, dass sich Südkorea und Japan verteidigungspolitisch nicht mehr auf die USA verlassen können. Dafür hat Trump allzu unterschiedliche Signale von sich gegeben. Mal kündigte er an, die US-Militär-Präsenz in Ostasien zu verringern. Dann wieder droht er Nordkorea mit Militärschlägen. Das erhöht die Gefahr eines nordkoreanischen Bombenangriffs auf die 20-Millionen-Metropole Seoul.

Der Vorteil an dieser Trumpschen Ziellosigkeit ist jedoch, dass sich die Regierung in Seoul stärker auf die Entwicklung einer eigenen Strategie besinnen kann. Von den USA kommt derzeit außenpolitisch oft gar nichts.

Südkoreas Präsident Moon hat diese Lücke erkannt. Mehr noch. Er möchte an die Politik seines Vorgängers Roh Moo-hyun anknüpfen. Unter Roh wurde Moon als sein Stabschef zum Architekten der sogenannten Sonnenscheinpolitik. Die steht für bedingungslose Hilfslieferungen mit der Hoffnung, damit Pjöngjang von seinem Atomprogramm abzubringen.

Die Chancen stehen gut. Denn tatsächlich sucht auch Nordkorea einen Ausweg aus dem zuletzt arg zugespitzten Streit. So sehr das Regime um Diktator Kim Jong-Un bereit ist, sämtliche Register zu ziehen, um ja von den USA nicht gestürzt zu werden. Lebensmüde ist er nicht. Und sollte sich ein gesichtswahrender Weg finden, die Spannungen abzubauen – er würde ihn nutzen.