Загрузка...

Thailand: Twittern im Tempel

0
1213

In Thailand sind auch buddhistische Novizen vom Smartphone-Virus infiziert. Kulturpessimistisch betrachtet, ist damit eine Jahrhunderte alte Erzählkultur gefährdet. Doch viele Mönche sagen: Der Buddhismus kann vom Internet profitieren.

In der Bangkoker U-Bahn von Suttisan nach Hua Lampong: „Please mind the gap between train and platform.“ Die ein- und aussteigenden Fahrgäste haben anderes zu tun als sich um vermeintliche Lücken Sorgen zu machen. Sie sind in ihre Smartphones vertieft.

Natürlich sieht man das auch im Westen, aber so extrem wie hier in Thailand ist das nicht.

Selbst die Novizen in den Tempelanlagen sind vom Smartphone-Virus infiziert. Und das wundert hier niemanden.

Schon vor 15 Jahren spielten Novizen in den Internetshops Kriegsspiele wie Counterstrike, und zum Neujahrsfest machten sie hinter der Tempelmauer hervor Passanten aus Plastikwassergewehren nass.

Nun hockt ein Junge in safrangelber Robe im Schatten der Tempelmauer unter einer Palme und switscht über das Display seines Handys. Vor dem Hauptgebäude des Tempels Wat Saket im Herzen von Bangkok sitzt der Mönch Viangthai Witthayu auf den Stufen unter einer steinernen Naga-Schlange.

„Mit dem Internet haben wir eigentlich keine Probleme, auch was all die Nachrichten und Informationen angeht. Das ist doch das Gute an unserer Religion. Sie kennt an sich keine Beschränkungen, und auch die jungen Leute fühlen sich im Buddhismus wohl.“

Der Mönch hat gerade einigen Touristen den Segen erteilt, indem er ihnen mit einer Reisstrohgarbe etwas Wasser über die Häupter spritzte und ihnen ein weißes Band um die Handgelenke schnürte.

Vertrackte Moderne

Früher schickten viel mehr Familien ihre Kinder in die Tempel, vor allem aus den ärmeren Schichten. Dort gingen sie zur Schule und wurden im buddhistischen Sinne erzogen. Die Zahl der Novizen aber hat deutlich abgenommen. Immer wieder werden Skandale offenbar: Da bereichern sich Mönche an Spendengeldern, schwelgen im Luxus, feiern Partys mit Frauen und stehen unter Drogen- oder Alkoholeinfluss. Es scheint, dass manche Mönche an den Herausforderungen der Moderne scheitern. Und die Korruption ist mittlerweile selbst im Nationalbüro für den Buddhismus angekommen. Gelder aus einem Fond für den Erhalt von Tempeln und die Schulung der Mönche sind abgezweigt worden. Da fallen viele Thailänder buchstäblich vom Glauben ab, wenn sie so etwas lesen – meist im Internet.

Den Mönch Viangthai Witthayu ficht das nicht an. Er inspiziert das Ubosot, das mit seinen spitzen Giebeln das heiligste Gebäude des Tempels ist. Im Inneren leuchten hinter einer goldenen Buddhastatue Wandmalereien in kräftigem Rot.

„Zugegeben, es gibt heutzutage viele Leute, die nicht nach dem Buddhismus leben und nichts mit Religion zu tun haben wollen, aber deswegen können sie ja trotzdem gute Menschen sein.“

Bei allem findet Viangthai, dass die neuen Medien und Religion sich durchaus gegenseitig befruchten. Denn so könnten die Menschen über das Internet einiges über die buddhistische Lehre erfahren.

Weniger Mode, mehr Religion

„Wenn man etwas sucht, hat man das im Internet schnell gefunden. Das ist doch wie eine riesige Bibliothek. Natürlich gibt es auch da gute und schlechte Informationen. Aber man kann das ja im positiven Sinne nutzen und so sein Wissen bereichern.“

Derweil sorgt sich auch die Militärregierung um die jungen Leute. So hat der National Morals Council, eine Art Moralwächterrat, die Jugend aufgefordert, mehr zu lachen und überhaupt mehr Freundlichkeit auszustrahlen. Und das im Land des Lächelns. Aber verordnen kann man so etwas nicht. Die Jugend kümmert sich um die neuesten Smartphones und schicke Klamotten. Der Mönch sieht das wiederum anders.

„Naja, früher war den jungen Leuten schon ein Stück weit der Buddhismus gleichgültig. Aber jetzt beschäftigen sie sich wieder mehr mit religiösen Fragen und nicht mehr so sehr mit Mode, wie vorher. Da meinten die jungen Leute immer, sie müssten die neuesten Sachen haben. Jetzt richten sie sich wieder stärker nach den buddhistischen Lehren.“

Der Novize an der Tempelmauer ist weiter intensiv mit seinem Handy zugange. Thailänder hatten mal eine bewunderungswürdige Erzählkultur. Man traf sich unter dem Stelzenhaus, auf dem Markt zwischen Obstständen oder im Garten eines Tempels und plauderte angeregt über alles, was erzählenswert war, und eigentlich war alles erzählenswert. Vor allem innerhalb der Familie.Heutzutage fühlt sich ein Sechsjähriger beim Chatten von der Großmutter gestört, wenn die auch nur fragt, ob er Hunger habe, was in Thailand dereinst mal die wichtigste aller Fragen war. Nach den Lehren des Buddhismus googlen wird der Novize sicher nicht. Höchstens dass er mit einem Computerspiel beschäftigt ist, bei dem der zehnköpfige Dämon Thotsakan frei nach dem Heldenepos Ramakien die bildhübsche Gattin des Königssohnes Rama, gleichsam die Inkarnation des Gottes Phra Narai, entführt. So viel Religion muss dann doch sein.