Asien für Anfänger – eine Food-Tour durch Hongkong

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Hongkong ist zwar seit 20 Jahren eine Sonderverwaltungszone Chinas. Spuren der britischen Herrschaft aber sind bis heute anzutreffen, vor allem kulinarische. Eine Food-Tour durch eine Metropole, in der neue und alte Einflüsse aufeinanderprallen.

Hongkong bedeutet duftender Hafen. Für die Briten roch die Insel vor allem nach einem günstigen Aussenposten für den Handel. 1841 besetzten sie ein hügeliges Eiland, an China zurück gaben sie am 1. Juli 1997 eine Metropole. Das britische Erbe ist noch allgegenwärtig. Die U-Bahn-Stationen heissen Prince Edward oder Admiralty, der Aussichtsberg sowie der Hafen wurden nach Königin Victoria benannt, der Verkehr fliesst auf der linken Seite, neben Kantonesisch ist Englisch immer noch eine offizielle Sprache.

Die Briten schifften Teeblätter aus Fernost nach Europa und verbreiteten ihre Teekultur in Asien. Noch heute wird in den Luxushotels jeden Nachmittag der High Tea serviert: Tee und akkurat zugeschnittene Mini-Sandwiches, Scones mit Marmelade und Sauerrahm. Auch die Hongkonger hätten unter der britischen Herrschaft gern Afternoon Tea getrunken, doch konnten sie sich das nicht leisten.

Das Quartier Sham Shui Po

Guide Olivia zeigt auf einer Foodie-Führung im Quartier Sham Shui Po, wie die Hongkonger diese englische Tradition für sich umgesetzt haben. Sham Shui Po auf Hongkong Island ist eines der ärmsten Quartiere der Stadt. Europäische Gesichter sind in den Strassen kaum zu sehen, erregen aber kein Aufsehen. Olivia führt die Gruppe in ein Restaurant, dessen Wände, Stühle und Tische in Mintgrün lackiert sind. Statt in edlem Porzellan wird der Tee hier in dickwandigen Tassen des niederländischen Milchproduzenten Black & White serviert. Jeder Gast hat eine andere Tasse vor sich stehen, sie sind ein begehrtes Sammlergut. Tee aus Indien wird bevorzugt und im Verhältnis 7:3 mit Milch zu einem dickflüssigen Getränk angerührt. «Hong Kong Milk Tea» heisst die beliebte Adaption des englischen Klassikers. Der Besitzer des Lokals führt vor, wie er Milch und Tee mischt. Er scheint ein leidenschaftlicher Sammler zu sein, auch sein T-Shirt ist mit einem Black&White-Motiv bedruckt.

Wie bei der Kondensmilch aus Europa und dem Tee aus Indien vermischen sich auch in der restlichen Stadt die verschiedenen Einflüsse; zum Beispiel von Tradition und Moderne. Im buddhistischen Chi-Lin-Nonnenkloster auf Kowloon, dem Festlandteil von Hongkong, spazieren schwarz gewandete Nonnen durch den Garten. Eine Enklave mit Teich, roter Brücke und goldenem Turm, umgeben von Hochhäusern. Auffällig sind in der ganzen Stadt Löcher in vielen Gebäuden. Manche nur ein paar Fenster breit, bei einem Gebäude fehlt ein gewaltiger Teil. Die Löcher sind für die Drachen. Sie leben dem Volksglauben nach in den Bergen und fliegen regelmässig ans Wasser, wobei sie positive Energie mit sich führen. Wenn die von Spezialisten berechnete Idealfluglinie durch ein Gebäude führt, wird ein Tor ausgespart. Der Platzmangel kann noch so gross sein, Feng Shui ist wichtiger. Sämtliche Neubauten sind nach den Prinzipien dieser Lehre ausgerichtet. Nur wenn die Energie richtig fliessen kann, sind Wachstum und Zufriedenheit garantiert.

Eine Insel, die wächst

Auch den von den Engländern eingeführten French Toast, eine Art Fotzelschnitte, haben die Chinesen übernommen: Ein dickes Stück Toast, von der Butter triefend, in der es gebraten wurde, übergossen mit reichlich Ahornsirup. Auf dem nächsten Stopp der Tour müssen die Reisenden nicht nur mit Bedenken bezüglich der Linie kämpfen. Das Restaurant ist spezialisiert auf Schlangen. «Schlange ist sehr gut für das Wohlbefinden», sagt Olivia. «Besonders im Winter.» In einem raumhohen Holzschrank mit über 20 Schubladen wartet das Mittagessen von morgen, gesichert mit Vorhängeschlössern. Einer gelbweissen gemusterten Schlange bleibt dieses Schicksal erspart, sie wurde zum Haustier erkoren. Die Gäste können wählen: Schlange essen oder streicheln.

Hongkong ist eine wachsende Insel. Das Wasser wird stetig weiter zurückgedrängt. Mit Landgewinnung entstehen überall neue Quartiere. Oder es werden Wolkenkratzer in die Hügel gestellt. Das Ausmass dieser immer grösser werdenden Grossstadt-Scholle ist aus der Höhe am besten sichtbar. Eine Alternative zum Aussichtsberg Victoria Peak ist die Bowen Road. Benannt nach dem neunten Gouverneur der Stadt, führt sie vier Kilometer lang auf halber Höhe durch die Berge. Während tropische Pflanzen und Vögel Urwaldstimmung vorgaukeln, kann man hier Auge in Auge mit den Wolkenkratzern joggen oder spazieren. Wie das äusserliche Erscheinungsbild der Stadt ist auch die Bevölkerung im Umbruch. Die Hongkonger identifizieren sich weder als britisch noch als chinesisch. Sie sind Hongkonger.

Invasion der Festlandchinesen

Derweil strömen reiche Festlandchinesen auf die Insel, investieren grosse Summen und bringen ihre Sprache, das Mandarin, mit. Geld ist den neureichen Chinesen nicht anzusehen, der Mann in den Plastiklatschen am Frühstückstisch im Fünfsternehotel könnte einen neuen Wolkenkratzer in Auftrag gegeben haben. Die Hongkonger betrachten diese Entwicklung misstrauisch.

In Sham Shui Po gibt es Läden, die von gefälschten Legos bis zur Luftmatratze alles führen, das aus Plastik geformt werden kann. Beim nächsten Foodie-Stopp ist Platz wie überall hier Mangelware, das Lokal ist ein Soja-Verarbeitungsbetrieb, Restaurant und Verkaufsladen in einem. Die Inhaber schlafen im Obergeschoss auf der Galerie. Tofu ist ein fester Bestandteil der asiatischen Küche, wie in der Schweizer «Chäsi» zeigen die Kunden mit den Händen, wie gross das Stück vom Tofu-Block sein soll.

Es riecht säuerlich, zwischen den Arbeitern sitzen die Gäste an kleinen Tischen und zerkleinern mit Stäbchen frittierten Tofu und trinken gesüsste Sojamilch. Zum Dessert gibt es schwarzen Sesamkuchen. Zwei Ventilatoren wälzen die feuchte Luft. Schwitzen ist in Hongkong für Arme. In den luxuriösen Shoppingcentern und Restaurants der besseren Viertel wird die Luft gnadenlos runtergekühlt.

Hongkong ist Asien für Anfänger, sauber und sicher. Ob für einen Zwischenstopp oder als Hauptreiseziel. Und zurückkommen lohnt, da hier nichts auf Dauer ist. Wo heute das Wasser ans Ufer kommt, könnte auf neugewonnenem Land bald der nächste Wolkenkratzer stehen. Und in Sham Shui Po könnte der Milk Tea in einer neuen Sammeltasse serviert werden.

Die Reise

Reise Direktflug mit Cathay Pacific Airways oder Swiss.

Einreise Mit Schweizer Pass ist für einen Aufenthalt von bis zu 90 Tagen kein Visum nötig.

Beste Reisezeit Im Herbst zwischen September und November, in diesen Monaten ist es mild und trocken.

Währung Hongkong-Dollar, 100 CHF entsprechen ungefähr 800 HKD.
Wohnen Die Zimmer des Hotels East auf Hongkong Island sind modern und geschmackvoll eingerichtet, die Aussicht auf den Victoria Harbour ist fantastisch. Das «East» befindet sich in einem ruhigen Quartier. Mit Bar auf der Dachterrasse, Pool und Verbindungsbrücke ins angrenzende Shoppingcenter ist es ein angenehmer Ort für Neuankömmlinge. Diverse Restaurants zu Fuss erreichbar.

Essen Im «Lin Heung Tea House» im belebten Viertel Central gibt es traditionell chinesisches Essen in unprätentiöser Atmosphäre. Zu empfehlen sind Dim Sum, die chinesischen Teigtaschen, die in Schalen aus Bambusholz an den Tisch gefahren werden.

Drinks Mitten im Ausgehviertel serviert die britisch angehauchte Cocktailbar Stockton kunstvoll angerichtete Drinks in einer edlen Wohnzimmeratmosphäre. Der Eingang der Bar ist etwas versteckt über eine Treppe zu erreichen.

Entdecken Auf der Foodie-Tour im Quartier Sham Shui Po erfährt man viel über die Geschichte der Stadt und das authentische Stadtviertel, während man sich den Bauch mit Köstlichkeiten und Kuriositäten aus der chinesischen Küche vollschlagen kann. Buchung via www. discovrhongkong.com.

Unterwegs Die U-Bahn und die Fähre sind zuverlässig und einfach zu benutzen, alle Stationen sind in Englisch angeschrieben. Kleine Distanzen sind problemlos zu Fuss möglich.

Die Reportage wurde ermöglicht durch Cathay Pacific Airways.