Rentner-Frust in Thailand

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Einst verließen sie Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Jetzt geht vielen das Geld aus

Bangkok. Der Diamant im linken Ohrläppchen glitzert in der tropischen Sonne Bangkoks. An einer Hand trägt Klaus Aulbach zwei goldene Ringe. Der 74-jährige Rentner aus Berlin macht deutlich, dass er die eigenen Ersparnisse am Leibe trägt. Er habe eine kleine Rente, sagt er, bevor er im Deutschen Eck in Bangkok die Würfelrunde beginnt.

Seine Mitspieler wissen: Wenn Aulbach zweimal verliert und zweimal eine Runde schmeißen muss, ist Feierabend: „Ich kann mir keine großen Sprünge leisten und muss rechnen, um klarzukommen.“ Als Aulbach im Alter von 58 Jahren lieber Einbußen bei der Altersversorgung hinnahm als weiter kalten deutschen Winter zu ertragen und in den vorzeitigen Ruhestand ging, stellte er sich sein Leben in Thailand anders vor. „Ich bin wegen der Mädels und der Sonne gekommen“, gibt Aulbach zu, „jetzt im Alter bin ich nur noch wegen der Sonne hier“.

Zehntausende von Rentnern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zog das südostasiatische als Land des Lächelns bekannte Königreich während der vergangenen Jahrzehnte an. Die Deutsche Botschaft schätzt, dass etwa 30.000 Deutsche in Thailand leben. Kenner sind überzeugt, dass es doppelt so viele sind. Zwei Drittel von ihnen sind Single.

In ihrer europäischen Heimat gelten die Ruheständler in der südostasiatischen Tropensonne häufig als „Ekelrentner“, weil sie ungeniert ihre Bäuche zur Schau tragen und gerne die Nähe sehr viel jüngerer, einheimischer Frauen suchen. Tatsächlich aber entpuppt sich das Tropenparadies aus Geldmangel jedoch häufig als tropische Hölle.

Jörg Dunsbach, Pfarrer der Deutschsprachigen katholischen Gemeinde Bangkok, kennt die Probleme, hat die Ruheständler aber ins Herz geschlossen. „Viele Rentner erhalten nach einem langen Arbeitsleben mickrige Renten. Man kann ihnen nicht verdenken, dass sie in Thailand einen schönen Lebensabend suchen.“ Besonders beliebt ist neben Bangkok und Pattaya die Stadt Udon Thani im Nordosten. Dort versorgt sogar ein Metzger namens „Schweine-Dieter“ die Rentner mit deutscher Hausmannskost. Denn die meisten Ruheständler halten es wie Aulbach. Heimatliche Gewohnheiten sind ihnen lieber als Integration.

Vielen Rentnern geht es genauso wie ihm: Er hat den Kontakt zum Sohn schon vor Jahren verloren. „Im Jahr werden 50 bis 70 Leute aus Österreich, der Schweiz und Deutschland in Massengräbern begraben, bei denen keine Angehörige oder Freunde in Deutschland gefunden werden können“, sagt Pfarrer Dunsbach. Aulbach will gar nichts mehr von der Heimat wissen. Einerseits, doch andererseits verliert er den deutschen Sozialstaat nicht völlig aus den Augen. Vor ein paar Wochen musste er in Bangkok eine Rückenoperation aus eigener Tasche bezahlen. „Wenn ich zum Pflegefall werde, muss ich eben zurück nach Deutschland und mich dort polizeilich melden. Dann bin ich automatisch versichert“, sagt Aulbach, der seine Krankenversicherung in Deutschland gekündigt hatte. Das Kalkül geht nur auf, wenn er dann noch flugfähig ist.

Arztkosten müssenselbst bezahlt werden

Dass viele Rentner die Behandlung in Thailand nicht bezahlen können, ist längst kein Ausnahmefall. Schon vor Jahren gründeten Deutsche deshalb den weltweit einzigartigen „Deutsche Hilfsverein“ (DHV). Als großes Problem gilt die fehlende Absicherung der Zugewanderten. Deshalb hilft der DHV Menschen, die – nicht selbst verschuldet – in Not geraten sind. Und etwa 100 Rentnern, die in die Heimat zurückkehren wollen. „Für Frührentner ist ein Daueraufenthalt nicht zu empfehlen“, heißt es auf der Homepage.

Auch Klaus Aulbach, der seit 2001 in Thailand mit einer Rente von 1200 Euro auskommt, warnt Nachahmer: „Wer weniger als 2000 Euro Rente hat, kommt besser nicht.“