Kann Südkorea mit einer nordkoreanischen EMP-Bombe lahmgelegt werden?

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In den USA warnen interessierte Kreise vor der Möglichkeit, dass Nordkorea mit einer Mittelstreckenrakete einen nuklearen Sprengkopf in großer Höhe mit katastrophalen Folgen explodieren lassen könnten

Die ultimative Waffe im Cyberwar ist weit davon entfernt, digital zu sein. Mit brachialer Gewalt könnte eine EMP-Waffe, die einen großflächigen elektromechanischen Impuls erzeugt, ganze Regionen, wenn nicht Länder buchstäblich ausschalten. Je stärker ein Land auf Elektrizität und elektronische Systeme aufbaut, je smarter seine Städte und die Gesellschaft insgesamt sind, desto verheerender könnte die Wirkung sein.

Die USA hatten 1962 erstmals und seitdem nicht wieder einen Test mit einer EMP-Waffe gemacht, nämlich einer in 380 km Höhe gezündeten Atombombe mit einer Sprengkraft von 1450 Kilotonnen TNT-Äquivalent über dem Johnston-Atoll im Pazifik. Seitdem ist eine solche Bedrohung das Trauma, da natürlich in den USA, aber auch in Russland, China, der EU und nicht zuletzt in Nordkorea nicht nur an Schutzmöglichkeiten, sondern auch an der Weiterentwicklung und Verfeinerung von EMP-Waffen gearbeitet wird (Pentagon sucht nach Superwaffe für den Cyberwar).

Zurückgeht die Erfindung der EMP-Waffe auf die Entwicklung der nuklearen Massenvernichtungswaffe und damit auch auf den Beginn der Computertechnik. Atomwaffen und Computer sind gewissermaßen zwei Seiten der Medaille. Die Computer-Entwicklung zur Berechnung der atomaren Kettenreaktionen wurde im Rahmen des Manhattan Project vorangetrieben, ohne den von John von Neumann und seinem Team gebauten Computer MANIAC (Mathematical and Numerical Integrator and Calculator), wäre es nicht möglich gewesen, die Berechnungen zum Bau der Wasserstoffbombe durchzuführen.

In letzter Zeit gab es vor allem in amerikanischen Medien immer wieder Hinweise darauf, dass womöglich Nordkorea einen seiner nuklearen Sprengköpfe, sofern das Land tatsächlich über einsatzfähige Atomwaffen verfügt, als EMP-Waffe zur Provokation oder zur Abschreckung zu verwenden. Nordkorea kann zwar auch mit herkömmlichen Raketen und Artilleriesystemen von der Landesgrenze aus bis weiter nach Südkorea feuern und dabei auch die Millionenstadt Seoul unter Beschuss nehmen. Aber es gibt Befürchtungen, dass das Regime, noch bevor es Langstreckenraketen und Sprengköpfe mit höherer Sprengkraft als den bislang getesteten, entwickeln kann, versucht sein könnte, Südkorea mit einer EMP-Atombombe lahmzulegen.

In den USA wurden schon wiederholt in vom Kongress eingesetzten Kommissionen die Folgen von EMP-Angriffen und die Möglichkeiten behandelt, wie sich die USA dagegen schützen könnten, da die Abhängigkeiten von technischen Systemen und Netzwerken steigen, die ausgeschaltet werden könnten, und es keinen umfassenden Schutz geben kann (Schutz vor einem EMP-Angriff). „EMP ist eine von wenigen Bedrohungen“, so ein Kommissionsbericht, „die unsere Gesellschaft dem Risiko von katastrophalen Konsequenzen aussetzen. Gefährdet sind die Stromnetze sowie die gesamte Telekommunikations-, Transport- und Energieinfrastruktur.

Warnungen vor der Bedrohung durch EMP-Angriffe werden in der Regel in der Öffentlichkeit und in der Politik nicht erstgenommen, das Szenario ist zu exotisch und wird als zu ferne angesehen, da ein solcher Angriff bislang noch nicht ausgeführt wurde. Anders als beim „normalen“ Einsatz von Atomwaffen würden durch eine Explosion in großer Höhe Menschen nicht direkt getötet oder gefährdet. Das könnte die Versuchung für ein Regime wie Nordkorea erhöhen, einen solchen Angriff bei Bedrohung oder zur Provokation auszuführen, wird immer wieder gewarnt, was natürlich auch den Hintergrund hat, die Politik dazu zu drängen, schärfer gegen Nordkorea vorzugehen, wie das US-Präsident zumindest zeitweise intendierte.

„Nordkorea träumt davon, die Lichter auszuschalten“

Da man in Washington derzeit mit anderen Problemen beschäftigt ist, rücken Nordkorea und die von Trump aufgefahrene „Armada“ wieder etwas in den Hintergrund, während die neue südkoreanische Regierung eher auf Versöhnung aus ist und mit der weiteren Stationierung des THAAD-Raketenabwehrsystems hadert. Das dürfte mit ein Grund dafür sein, dass das Wall Street Journal einen Kommentar veröffentlichte, der schon im Titel ein Untergangsszenario ausbreitet: „Nordkorea träumt davon, die Lichter auszuschalten. Pjöngjang braucht keine perfekte Rakete. Eine Atombombe über Seoul oder Los Angeles zur Explosion zu bringen, würde Chaos verursachen. “ Henry Cooper, der Autor, war für Reagan tätig und der Direktor der Strategic Defense Initiative (SDI) während der Regierung von George H.W. Bush. Aus SDI ging das Raketenabwehrsystem hervor, das im Zuge der Nato-Osterweiterung einer der primären Anlässe für die Konflikte mit Russland war und auch für Spannungen mit China sorgt.

Cooper verweist darauf, dass für Südkorea die Drohung groß ist und dass Nordkorea bereits bis zu 30 Atomwaffen besitzen könnte: „Wenn Herr Kim eine dieser Bomben in der Höhe von 60 km über Seoul zur Explosion bringen würde, könnte dies einen katastrophalen Schaden für Südkoreas Stromnetz verursachen und zu einem längerem Blackout führen, der tödliche Folgen haben kann.“ Zudem seien in Südkorea fast 30.000 US-Soldaten stationiert, die von einem EMP-Angriff auch betroffen wären.

Die kürzlich von Nordkorea getestete Mittelstreckenrakete könne eine Höhe von 60 km erreichen. Cooper suggeriert, es könne sich dabei auch um einen EMP-Test gehandelt haben. Schon eine Atombombe mit nur 10-20 Kilotonnen könne ungeschützte Elektronik auf einer Fläche von hunderten Meilen lahmlegen. Dabei wäre Genauigkeit gar nicht notwendig. Zudem könne Nordkorea eine Mittelstreckenrakete mit einem nuklearen Sprengkopf auch von einem U-Boot oder einem Frachter vor der Küste der USA abschießen, worauf unlängst William R. Graham, der Vorsitzende der EMP-Kommission 2001, im Blog 38 North verwiesen hat: „Selbst ein mit Ballons auf eine Höhe von 30 km gehobener und dort zur Explosion gebrachter Sprengkopf könnte das Östliche Stromnetz ausschalten, das den Großteil der Bevölkerung versorgt und 75 Prozent des US-Stroms erzeugt.“ Gefahr ginge von primitiven und „Super“ EMP-Bomben aus.

Zum Schluss kommt Cooper auf den Punkt, den er mit seinem Bedrohungsszenario anzielte. Als Vertreter der Rüstungslobby fordert er die USA und Südkorea (!) dazu auf, die Stromnetze so schnell wie möglich zu härten und sicherzustellen, dass die Raketenabwehrsysteme leistungsfähig sind. Dazu muss weiterhin Geld fließen, Südkorea, so der Wink, müsste seine skeptische Haltung gegen dem Raketenabwehrsystem aufgeben und unter den Schild der USA schlüpfen: „Der Zahltag könnte früher kommen, als man in beiden Ländern denkt.“