Weltnichtrauchertag: Japan müht sich mit Rauchverbot zu Olympia

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In japanischen Gaststätten wird gequalmt, dass die Augen tränen. Rechtzeitig vor den Olympischen Spielen 2020 in Tokio soll sich das ändern. Schließlich will man nicht als rückständiges Raucherparadies dastehen. Doch Wirte, Tabaklobby und sogar Nichtraucher gehen auf die Barrikaden.

Es gehörte in den vergangenen 30 Jahren irgendwie dazu: Wenn die Olympischen Spiele ins Land kommen, wird drinnen nicht geraucht. Seit den Winterspielen 1988 in Calgary ruft das IOC zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation WHO regelmäßig die „smoke-free games“ aus. Beschränkt war das zwar immer auf die Spielstätten, doch viele Gastgeber nutzten die Gunst der Stunde, um generelle Rauchverbote im ganzen Land einzuführen. So bescherte Rio 2014 den Brasilianern eines der strengsten Nichtraucherschutzgesetze der Welt.

Ausgerechnet das technologisch so fortschrittliche Japan ist in dieser Hinsicht noch sehr antiquiert: In Restaurants und Kneipen wird gequalmt, dass die Augen tränen.

Vorschlag für ein generelles Rauchverbot vom Gesundheitsministerium

Jedes Jahr sterben in Japan etwa 15.000 Menschen durch Passivrauchen. Nationale Gesetze zum Nichtraucherschutz sind vergleichsweise unverbindlich und geben keinerlei Strafrahmen für diejenigen vor, die sich nicht an sie halten. Um vor Tokio 2020 nicht als rückständiges Raucherparadies dazustehen, wollte das Gesundheitsministerium ein vollständiges Rauchverbot für Restaurants, Hotels, Büroräume und öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser in ganz Japan durchsetzen.

Obwohl der Vorschlag bereits die Einrichtung separater Raucherräume vorsah, gingen Restaurantbetreiber und die Tabakindustrie massiv auf die Barrikaden. Das Gesundheitsministerium schraubte seine Ansprüche zurück. Kleine Bars unter 30 Quadratmetern sollen nach dem neuen Entwurf bei ausreichender Belüftung von den Vorschriften ausgenommen sein. Ein Zugeständnis an die vielen Izakayas – japanische Kneipen, deren Kunden zum Großteil Raucher sind.

Widerstand von allen Seiten

Natsuko Takami ist Kneipenwirtin in Tokio. Ihr Izakaya ist klein genug, um unter die Ausnahmeregelung zu fallen. Dennoch würde der Gesetzentwurf für sie das Aus bedeuten. „Ein neues Ventilationssystem kann ich mir nicht leisten“, erzählt sie. Damit wäre auch in ihrer Kneipe Rauchen untersagt. „Wenn dann ein Gast trotzdem raucht, würde mich das 500.000 Yen Strafe kosten.“ Umgerechnet etwa 4.000 Euro wären das. Und der Gast selbst müsste ebenfalls mit einem Bußgeld von 2.400 Euro rechnen. „Ich glaube, dass dann die Leute einfach nicht mehr hierher kommen würden.“

Wie Natsuko Takami geht es vielen Wirten. Seitdem der Gesetzesvorschlag auf dem Tisch ist, stehen die Telefone beim Nationalen Gaststättenverband nicht mehr still. „Vor allem auch die mittelgroßen Restaurants über 30 Quadratmeter haben Probleme“, sagt der Vorsitzende Tetsuro Kojo. „Oft haben sie einfach nicht den Platz, einen separaten Raucherraum einzurichten.“ Der Verband hat deshalb in einer Petition gegen das geplante Gesetz 1,2 Millionen Unterschriften gesammelt. Offenbar auch viele von Nichtrauchern, denen der Entwurf zu weit geht und die die Freiheit des Individuums nicht beschnitten sehen wollen.

Die Krux mit der Tabaklobby im Parlament

Alles rauchfrei außer kleiner Izakayas – ein Alptraum für die japanische Tabakindustrie. Aber auch für den japanischen Fiskus. Umgerechnet 16 Milliarden Euro spült die Tabaksteuer jedes Jahr in die Staatskassen. Ein Blick in andere Länder zeigt: Wo Rauchverbote umgesetzt wurden, sank in der Folge der Zigarettenkonsum deutlich – und damit auch die Steuereinnahmen. Hinzu kommt: Der Konzern Japan Tobacco ist zu einem Drittel Staatseigentum und warf allein im Jahr 2015 Dividenden von umgerechnet mehr als 625 Millionen Euro ab.

475 Sitze hat das japanische Parlament, etwa 280 davon sind besetzt mit Mitgliedern, die der Tabaklobby nahestehen. Die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) hat nun einen eigenen Vorschlag ins Spiel gebracht. Restaurants unter 100 Quadratmetern soll es freigestellt sein, ob sie Rauchern erlauben, ihrer Sucht zu frönen oder nicht. Allein ein Aufkleber neben der Tür soll darauf hinweisen, ob es sich um ein Nichtraucherlokal, ein Restaurant mit abgetrenntem Raucherbereich oder eine reine Raucherkneipe handelt. So soll dann jeder Gast für sich entscheiden können, ob er dort einkehren möchte oder nicht. Wer allerdings jünger als 20 Jahre ist, dem soll der Zutritt zu Raucherrestaurants untersagt werden.

Temporäres Rauchverbot für Olympia?

Doch dieser wenig moderne Ansatz zum Nichtraucherschutz hat selbst in den eigenen Reihen der LDP nicht alle überzeugt, und der Vorschlag ist noch weit davon entfernt, in einen Gesetzesentwurf zu münden. Als letzte, fast schon verzweifelte Variante steht noch ein temporäres Rauchverbot im Raum. So könnte Japan während der Olympischen Spiele 2020 vor den vielen erwarteten internationalen Gästen sein Gesicht wahren – und hinterher einfach weiterqualmen wie bisher.