China: Im Land der lächelnden Autohersteller

0
109

Für Autohersteller in China sind Elektroautos die Möglichkeit, international aufzuholen. Entsprechend rasant entwickelt sich die Branche. Mit tatkräftiger Hilfe aus Deutschland.

Die Automesse Shanghai, vergangenen April: Ein chinesisches Start-up namens Next-EV macht Furore. Um seinen im gleißenden Scheinwerferlicht präsentierten Sportwagen mit 1360 PS bilden sich Menschentrauben. Ein schickes Auto, zweifellos. Nur sechs Stück gibt es davon, seine Produktion hat 1,2 Millionen Dollar gekostet. Und: Der Bolide hat auf dem Nürburgring gerade einen Rekord hingelegt. 313 Stundenkilometer ist er gefahren. So schnell hat das noch kein Wagen dieser Art hingekriegt. Der „Nio EP9“ ist nämlich ein Elektroauto.

William Li hat NextEV erst im November 2014 gegründet. Und der smarte Jungunternehmer, der gern in Jeans und Turnschuhen auftritt, hat in der kurzen Zeit seither ein rasantes Tempo hingelegt: Er hat rund 25 namhafte Konzerne – auch außerhalb Chinas – als Investoren an Bord geholt; er hat rund 2000 IT-Experten und Designer aus aller Welt rekrutiert; er hat neben seiner Zentrale in Shanghai auch Büros in München, London und dem Silicon Valley eröffnet. Und er hat bereits einen massentauglichen Familienwagen, den Nio ES8, in der Pipeline. Ein Fahrzeug mit einer Reichweite von 400 Kilometern, mit auswechselbaren Batterien, da es ja allerorts an Ladeinfrastruktur fehlt. Nächstes Jahr soll das Familienauto auf den Markt kommen – vorerst nur auf den chinesischen, in zwei, drei Jahren eventuell auch auf den europäischen und den amerikanischen. Man wird sehen. Auch der Preis ist noch völlig in der Schwebe. Dafür gibt es schon mehr als 3000 Bestellungen.

Nicht dass irgendjemand daran gezweifelt hätte – doch William Li erbringt gleichsam den Beweis: China hängt Europa (auch) bei den Elektroautos mit rasender Geschwindigkeit ab: In der EU wuchs der Markt im vergangenen Jahr um 4,8 Prozent auf 148.000 Wagen. In der Volksrepublik machte das Plus binnen einem Jahr 55 Prozent aus – dort wurden bereits über 500.000 Elektrofahrzeuge verkauft.

Staatliche Unterstützung. Doch das ist nur eine Momentaufnahme, denn die Zahlen steigen rasant und ein Ende dieses Trends ist nicht absehbar: In China gibt es staatliche Fördermaßnahmen für Batterieautos, wer greift da nicht beherzt zu? Zumal es Zulassungen in großen Städten aufgrund des Smogs fast nur mehr für E-Autos gibt. Und dann gibt es auch noch das geplante staatlich verfügte Quotensystem für strombetriebene Fahrzeuge: Kfz-Hersteller müssen demnach im Jahr 2018 eine E-Auto-Produktion von acht Prozent der Gesamtflotte aufweisen, im Jahr 2020 sollen es schon zwölf Prozent sein. Die deutschen Autohersteller heulen auf – und arbeiten gerade emsig an einem Kompromiss mit der chinesischen Führung. Möglicherweise könnte das Quotensystem verschoben werden – aber nur minimal.

Denn E-Autos sind die große Chance für die chinesische Autoindustrie, international aufzuholen, zumal dies bei klassischen Verbrennungsmotoren kaum mehr möglich sein wird. Der deutsche Halbleiterkonzern Infineon ist da gleichsam in der ersten Reihe mit dabei. Seit rund zwei Jahrzehnten ist der Konzern in China mit einer eigenen Produktion vertreten, mittlerweile ist Infineon in der Volksrepublik mit elf Standorten präsent. Rund 2000 Mitarbeiter erzielen dort einen Umsatz von rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr. Und, so betont Infineon-Chef Reinhard Ploss im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“: „Die Hälfte unseres Asien-Geschäfts machen wir in China.“ Das sind Halbleiter – etwa für die Elektroautos à la Nio. Um nur eine Marke der chinesischen Kfz–Branche zu nennen. „Infineon ist eindeutiger Marktführer bei Halbleitern für sogenannte New-Energy-Autos in China“, sagt Helen Xu, Vizepräsidentin der Autosparte von Infineon in China.

Rund ein Drittel des China-Umsatzes wird im Bereich Automotive erzielt. Da gibt es schon einmal satte Zuwächse, weil sich die Autos bei der Ausstattung generell den Verhältnissen in den westlichen Industrieländern annähern und der Einsatz von Elektronik somit zunimmt. Aber die Entwicklung bei den Elektroautos stellt wohl alles in den Schatten. „Wir sind hier mit Ausnahme einiger japanischer Wettbewerber im Prinzip der einzige große Hersteller von Leitungshalbleitern für Elektrofahrzeuge“, sagt Infineon-Chef Ploss. Und dank der schönen Prognosen für den chinesischen E-Automarkt kann er sich entspannt zurücklehnen: „Wir sehen in diesem Bereich ein überproportionales Wachstumspotenzial.“

Infineon hat also die Nase vorn – arbeitet aber auch schon lange an dieser Vormachtstellung: Als langjähriger Partner der Tongji-Universität in Shanghai finanziert Infineon (neben anderen deutschen Konzernen) einen Lehrstuhl und hat somit Zugang zu anwendungsorientierter Forschung – und zu Nachwuchstalenten. Denn IT-Spezialisten sind in China begehrt, die Fluktuation ist groß.

Angewandte Forschung. Oder der Hong Kong Science Park: Hier hat Infineon 2014 ein Büro bezogen, wo Zusammenarbeit mit diversen Partnern auch abseits des Automotive-Bereichs an der Tagesordnung ist. Infineon verfügt in China bereits über 1482 Patente, 1710 sind beantragt.

Schließlich gibt es im Kfz-Bereich noch jede Menge Perspektiven, nicht nur bei den sogenannten New Energy Vehicles. Autonomes Verfahren wird bei Infineon ebenso ernst genommen wie Elektroautos. Konzernchef Ploss: „Wir betrachten beide gleichermaßen als wichtige Wachstumstreiber für unser Unternehmen.“ Ohne Einschränkungen. „Das Interesse der Menschen an autonom fahrenden Autos ist groß, weil sie dadurch ihre Zeit besser und produktiver nutzen könnten“, sagt Ploss. „Die Möglichkeit, nach Wunsch gefahren zu werden, ist für viele interessant.“ Und: „Rein technisch werden wir bald in der Lage sein, autonomes Fahren zu ermöglichen.“

China wird wohl auch da wieder eine Paraderolle einnehmen. Wetten?

Die Autorin war auf Einladung von Infineon in China.