Philippinen: Besser hinter Gittern als tot

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Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte führt einen erbarmungslosen Krieg gegen Drogen. Tausende Menschen sterben, aber kaum einer redet von denen, die wegen Drogenvergehen in die Gefängnisse kommen. Die Haftanstalten sind mehrfach überbelegt, die unmenschlichen Verhältnisse immer wieder Thema bei der UN-Menschenrechtskommission. Vor allem machen die Gefängnisaufenthalte nichts besser, sagen die, die es wissen müssen. ARD-Korrespondentin Lena Bodewein war für die NDR Info Sendung „Echo der Welt“ in einem Gefängnis in der Metropolregion der Hauptstadt Manila. Hier sitzen drei Viertel der männlichen Häftlinge wegen Drogenvergehen ein.

„Wir präsentieren den Stolz des Quezon City Jail.“ Es soll sich anhören wie in amerikanischen Filmen, aber die Szenerie ist deprimierend: Der Gefängnishof ist heiß und überfüllt, unter der gnadenlos sengenden Sonne im Quezon City Jail tanzen Hunderte, Tausende Männer zum Auftritt der Galaw Galaw Sing and Dance Group. Harte Jungs mit Tätowierungen, Narben, rasierten Schädeln und Gang-Zeichen drehen sich, klatschen, schwingen die Hüften.

Beweg dich weiter, damit du nicht stirbst
Beweg deine Füße, knick nicht um
Vermeide Faulheit, damit du nicht auffällst
Vermeide Krankheit, bleib fit

So lautet der Text des Songs, den sie selbst geschrieben haben. Er beschreibt das Leben im Gefängnis. Das Lied stelle eine Möglichkeit dar, die Langeweile erträglicher zu machen, sagt Jayrex Joseph Cabral Bustinera, leitender Beamter im Quezon City Jail. „Wir nennen es dynamische Sicherheit. Sport, Kurse, respektvolles Verhalten. Wir haben die harte Sicherheit, die Zäune, den Stacheldraht, die Kameras. Das hält sie aber nicht von Aufständen ab. Aber wenn man beides kombiniert, harte und dynamische Sicherheit, dann geht es.“

Diese harte Sicherheit sieht so aus: rostiger Stacheldraht ist zwischen allen Blöcken gespannt, die Dächer sind mit Wellblech gedeckt, die hohen Zäune behängt mit Blumentöpfen aus Plastikflaschen.

Die Farbe Pink soll die Häftlinge beruhigen

Für 275 Insassen ist das Gefängnis ausgelegt – nach UN-Standards. „Jetzt haben wir 2.561 Insassen, so die heutige Zahl“, sagt Lucila Abarca, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Sie zeigt die Zellen, die nach Heiligen benannt sind, San Pablo oder San Augustin. San Pablo ist für acht Menschen gebaut. Die Belegung zurzeit: 120.

Die Insassen liegen auf dem Tisch, auf dem Boden wie Sardinen, vor dem Pissoir. Die Glücklichen haben einen Platz in den dreistöckigen Bettgestellen. Farbe: Pink. „Eine Studie sagt, dass Pink einen beruhigenden Effekt hat. Also müssen die Gefangenen die Zelle pink streichen“, erklärt Abarca.

Leben in Enge und Gestank

Es gibt kaum einen leeren Fleck im Gefängnis. Überall hocken, stehen, liegen Häftlinge, in gelben verwaschenen Shirts, eigentlich mit dem Emblem des Quezon City Jail, aber es ist auch mal Bert aus der Sesamstraße darauf oder ein gefälschtes Diesel-Logo – Hauptsache gelb.

Sie liegen dicht an dicht nebeneinander, übereinander, auf Eimern, auf Säcken, lieber draußen auf dem Gang als in der Zelle. Einige spielen Basketball, einer zupft sich mit einer Pinzette die Haare vom Kinn. Sie waschen, sie kochen. Das Schulzimmer wird auch als Schlafzimmer benutzt, die Kapelle ebenso, der Hof. Oben drüber hängt Wäsche zum Trocknen. Es riecht nach kaputten Abflüssen und undichten Toiletten, nach Hitze und zu vielen Körpern auf viel zu wenig Raum.

„Wir versuchen immer mal wieder, irgendwo zu schlafen, für zwei Stunden; ich liege auf Sperrholzplatten im Hof – bis es regnet. Das Wasser deprimiert mich so.“ Der Mann, der sich als The Singer bezeichnet, knabbert schwer an seinem Leben im Gefängnis. Vor acht Monaten wurde er beim Abendessen zu Hause gepackt und wegen Drogenbesitzes verhaftet – „aber es gibt keine Zeugen, keine Beweise, einfach so! Ich fühle mich wie in einem Albtraum“. Bis der vorbei ist, flüchtet sich The Singer in Musik.

Der Knast wird trotzdem zum Zuhause

„Wir waren geschockt davon, wie viele Menschen mehr jetzt verhaftet werden“, erzählt der leitende Beamte Bustinera. Seit Rodrigo Duterte Präsident ist, sind die Zahlen verhafteter Drogenkrimineller sprunghaft angestiegen. „Aber wir wollen nicht mehr aufnehmen. Die Verhältnisse hier sind schon unmenschlich!“

Außerdem hält er diese Drogenpolitik für verfehlt, das Problem liege woanders. Von seinen Insassen haben 86 Prozent keinen ordentlichen Schulabschluss, keine mittlere Reife, oft nicht mal einen Grundschulabschluss. Sie können keinen Lebensunterhalt verdienen. „Was erwarten Sie von ihnen? Das Gefängnis spiegelt wirklich die Gesellschaft draußen wieder. Die Drogen sind nicht das Problem. Schlechte Bildung und fehlende Existenzgrundlagen sind es. Darum bieten wir ihnen ein Schulprogramm an. Sonst kommen sie wieder, denn hier haben sie Freunde gefunden, eine Art Familie. Zu denen gehen sie, wenn sie rauskommen, und begehen für sie andere Verbrechen, womöglich noch Schlimmeres als vorher.“

Einsamkeit ist das Hauptproblem

In der Kapelle des Quezon City Jail wird Musik gemacht. Einige Häftlinge stemmen Gewichte, machen Sit-ups. Direkt daneben bieten in einer niedrigen Kammer die homosexuellen Insassen Maniküre und Pediküre-Dienste an, auch Haarschnitte. Einige ältere Männer sind dabei, mit hübsch frisierten längeren Haaren. Einer trägt einen Hauch Lippenstift, und alle haben einen sehr traurigen Blick – sie werden nicht besucht von ihren Familien, bekommen also keine Hilfe, kein Geld, darum müssen sie sich etwas dazuverdienen mit Schönheitspflege.

Auch Robert wartet seit vier Jahren vergebens auf Besuch. Er sitzt wegen eines Drogenvergehens, das er nicht begangen hat, das beteuert er. Aber niemand glaubt ihm. Etwas Gutes habe seine Lage allerdings, meint er: „Ich fühle mich hier im Gefängnis sicherer als draußen, denn dort wäre ich vielleicht schon erschossen worden als Drogenkrimineller.“

„Lieber im Knast als tot – beweg dich weiter, damit du nicht stirbst“, singt die Galaw Galaw Sing and Dance Group.