Diplomatie im Weltraum: Indien startet «Südasien-Satellit»

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Von Siddhartha Kumar und Stefan Mauer, dpa

Als am Freitag die Trägerrakete GSLV abhob, trug sie mehr als einen Satelliten an Bord. Indien will die Frequenzen von GSAT-9 an seine Nachbarländer verschenken. Doch nicht alle trauen dem Angebot.

Als der indische Premierminister Narendra Modi am vergangenen Wochenende im Radio sprach, war kaum auszumachen, dass es um ein trockenes Thema wie einen Kommunikationssatelliten ging. Von einem «unschätzbaren Geschenk» war die Rede. Und von einem «wichtigen Schritt Indiens, um die Zusammenarbeit in ganz Südasien zu verbessern».

An diesem Freitag um 17 Uhr Ortszeit (13.30 Uhr MESZ) wurde vom Weltraumbahnhof Sriharikota an der Ostindischen Küste aus der Satellit «GSAT-9» in seine Umlaufbahn geschossen. Das besondere an dem gut zwei Tonnen schweren Gerät: Indien hat fast allen seinen Nachbarländern angeboten, einen Teil des Fernseh- und Telekommunikationssatelliten kostenlos mit zu nutzen.

Ajay Lele vom «Institute of Defence Studies and Analyses», einem Think-Tank aus Neu Delhi, findet das durchaus ungewöhnlich: «Es kommt regelmäßig vor, dass ein Land einem anderen erlaubt, einen Satelliten mit zu nutzen. Aber es ist ungewöhnlich, dass ein Land einen Satelliten baut und seine Kapazitäten dann kostenlos in einer so großen Region anbietet.»

Lele bezeichnet die Aktion Indiens als «Weltraumdiplomatie» – mit nicht nur selbstlosem Zweck. «Einerseits engagiert Indien sich konstruktiv in der Region», sagt der Experte. «Es nutzt ganz Südasien, wenn die Kapazitäten für Kommunikation auch zwischen den Ländern steigen. Andererseits ist es auch ein politisches Werkzeug, um Einfluss in der Region zu gewinnen.»

Im indischen Außenministerium möchte man sich offiziell nicht zur Strategie hinter GSAT-9 äußern. Inoffiziell sagen hochrangige Beamte jedoch, dass man durchaus auch die teilweise seit Jahrzehnten andauernden Grenzstreitigkeiten mit den Nachbarn China und Pakistan im Hinterkopf hatte, als der Südasien-Satellit entwickelt wurde. Mit den beiden Ländern liefert sich Indien einen langen Kampf um Einfluss in der Region.

China war nicht in das Satellitenprogramm eingebunden worden. Pakistan hatte man hingegen sogar einen Teil der Frequenzen angeboten. Das liegt daran, dass Indien GSAT-9 ursprünglich für alle Mitglieder des Südasien-Gemeinschaft SAARC konzipiert hatte, zu der neben Indien auch Pakistan gehört – außerdem noch Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, die Malediven, Nepal und Sri Lanka. «Eine engere Verbindung mit unseren kleineren Nachbarländern wird auch unsere Sicherheit verbessern», heißt es aus dem indischen Außenministerium.

Alle Mitglieder bis auf Pakistan und Afghanistan wollen gleich von Anfang an dabei sein. Afghanistan hat noch keine entsprechenden Verträge unterschrieben. Nur Pakistan hat die Nutzung des Satelliten abgelehnt. «Wir in Pakistan können den Satelliten einsetzen, wenn die Beziehungen zwischen uns und Indien sich stabilisieren», sagt Maria Sultan, Chefin des Südasien-Forschungsinstituts Sassi in Islamabad.

Bereits im vergangenen Jahr komplettierte Indien sein regionales Netzwerk aus Navigationssatelliten «Navic», das in und um Indien dem US-System GPS Konkurrenz machen soll. Allerdings gibt es noch kaum Empfangsgeräte, um die Signale auch einzusetzen. Weltraumexperte Narayan Prasad Nagendra vom Think-Tank ORF aus Neu Delhi sieht es dennoch als einen der Bausteine, wie Indien seinen diplomatischen Einfluss durch sein Weltraumprogramm ausbauen könnte.

«Es gibt noch viele Möglichkeiten für Indien, seine Fähigkeiten bei der Raumfahrt diplomatisch einzusetzen», schreibt der Experte. Indiens Können in diesem Bereich könne deutlich effektiver genutzt werden. «Nicht nur regional, sondern auch, um Indiens Rolle im globalen Rahmen zu stärken.»