Weltpolitisch steht Taiwan im Schatten des „großen Bruders“, der Volksrepublik China. Doch die Insel kann nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem touristisch auftrumpfen.


Mit 36.000 Quadratkilometern und 23 Millionen Einwohnern ist die Republik China, wie Taiwan sich offiziell nennt, ein Winzling im Vergleich zur Volksrepublik auf dem Festland. Bei der Bevölkerungsdichte kommt das Eiland aber auf den wenig rühmlichen zweiten Platz (hinter Bangladesh). Wer jedoch glaubt, hier gebe es nur Großstädte und wenig Natur, der irrt. Selbst Taipeh, die Hauptstadt ist für chinesische Verhältnisse bestenfalls mittelgroß und von Luftverschmutzung in der Größenordnung des kommunistischen Nachbarn ist man glücklicherweise meilenweit entfernt.


Aber weg vom Schatten der Städte, hin ins Licht der Natur. Im Osten zeigt sich Asien von seiner schönsten Seite. Die Schlucht aus Marmor ist auch bei Einheimischen beliebteste Sehenswürdigkeit. Verständlich. Die 19 Kilometer lange Taroko-Schlucht im gleichnamigen Nationalpark entpuppt sich als grandioses Stück Natur.


Geschichtsbuch der Natur


Die Marmorschichten, die in dem Taleinschnitt zu bewundern sind, begannen sich vor mehr als 200 Millionen Jahren als Sedimentablagerungen auf dem Boden des Meeres zu bilden. Taroko bedeutet „großartig und schön“ auf Truku, der Sprache der Ureinwohner der Gegend. Über Jahrtausende hat sich das türkisfarbene Wasser des Flusses Liwu wuchtig durch den massiven Stein gearbeitet. „Was wohl Forscher hier alles herauslesen können?“, fragt man sich unwillkürlich. Für sie muss es wie ein Geschichtsbuch der Natur sein.


Das Herz der Schlucht ist die Schwalbengrotte. Wer genau schaut, entdeckt im Felsen zahlreiche Löcher, in denen sich Schwalbennester befinden. Ohne Helm sind hier Wanderungen übrigens nicht gestattet – wird doch die Region jährlich um einen halben Zentimeter angehoben, womit jederzeit kleinere Beben sowie Steinschläge drohen.


Frühaufsteher gefragt


Nicht minder einladend ist Ali-shan, benannt nach einem Jäger – shan heißt Berg bzw. Gebirge. Hoch in Zentral-Taiwan gelegen, ist dieses Naturjuwel berühmt für fesselnde Sonnenaufgänge. Nicht nur für Morgenmenschen ist es damit Pflicht, schon vor 4 Uhr früh aus den Federn zu hüpfen und mit einem speziellen Zug zum Yushan, dem Jadeberg, zu zuckeln.


Den Aufgang der Sonne können wir leider nur erahnen. Beeindruckend ist der Ausflug dennoch: Die Berge schimmern in Grauschattierungen, die Gipfel sind in ein eigenes Blau getaucht, und das Besuchermeer wird von „Unterhaltern“ via Megaphon mit eigenartig anmutenden Infos zugedröhnt.


Das vielgerühmte Wolkenmeer mit Sonne gibt es am Abend zu bestaunen. Mit dem Spaziergang davor bedeutet es mehr als eine Entschädigung. Perfekt eingebettet in der wunderschönen Landschaft sind etwa die „Schwesternteiche“ zu bewundern. Die heißen so, weil hier zwei Schwestern den gleichen Mann liebten. Keine wollte das Herz der anderen brechen, also ertränkten sie sich in den nebeneinander liegenden Teichen. Eine eigenwillige Form von Solidarität.


Acht-Bogen-Drachenbrücke


Wasser spielt für eine Insel natürlich eine wichtige Rolle. Umspült ist „ilha formosa“ (für die Portugiesen die „schöne Insel“) vom Pazifik. Und eine Fahrt entlang der Küste ist reizvoll. Etwa, wenn der grau-grüne Steinstrand von einer ungewöhnlichen Brücke gekrönt wird. Der Acht-Bogen-Bau Sanxiantai sieht aus wie ein sich durch den Ozean schlängelnder Drache und führt auf die Vulkaninsel „Plattform der Drei Unsterblichen“. Mit Aussicht auf Ozean, Küstenlinie und Berge ein perfektes Fotomotiv.


Das ist auch das Fo-Guang-Shan-Kloster. Nahe Kaoshiung befindet sich der Hauptsitz des von Meister Hsing Yun gegründeten Ordens. Schon von Weitem glitzert einem der goldene Buddha entgegen – fast so, als wolle die 36 Meter hohe Statue den Besuchern zuzwinkern.


Als Österreicher fühlt man sich schon beim Empfang gut aufgehoben. Denn Mönch Hue Shou begrüßt in perfektem Deutsch. Stammt doch Gerhard Fröschl, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, aus Niederösterreich (siehe nebenstehenden Bericht). Fo Guang Shan bedeutet Buddhalicht oder Buddhalicht-Berg. Seit 1967 besteht der „alte“ Teil des Klosters.


Imposantes Museum mit Reliquie


1998 brachte Meister Hsing Yun aus Indien eine Zahnreliquie des Buddha hierher. Diese soll ein tibetischer Lama vor der Kulturrevolution gerettet haben. Der Meister sollte einen Tempel bauen und den Zahn öffentlich zugänglich machen. Was dieser in Form eines Museums in imposanter Weise verwirklichte. Auf mehr als 100 Hektar entstand eine exotische Mischung aus religiösem Zentrum und Buddha-Erlebnisland.


Ein Erlebnis der anderen Art wartet in Taipeh. Neben dem modernen, lange Zeit höchsten Wolkenkratzer der Welt, Taipeh 101 (101 Etagen) ragt dort inmitten der lebhaften Hauptstadt wie ein Fels in der Brandung die Chiang-Kai-Shek-Gedächtnishalle auf. Das Marmorbauwerk ist das Monument zu Ehren des 1949 von Maos Kommunisten vom Festland vertriebenen Präsidenten der Republik.


Im Obergeschoß erwartet die Besucher eine 25 Tonnen schwere und 16 Meter hohe Bronzestatue des Staatsgründers, die eine Besonderheit aufweist: Chiang Kai-Shek ist sitzend dargestellt. Eine Position, die sonst seinem Vorgänger und Gründer der Republik von Festlandchina, Sun Yat-sen, vorbehalten ist. Dieser wird übrigens als Einziger in beiden Chinas verehrt.


Die Schattenseite: die feierlich zelebrierte Wachablöse als Ehrerweisung gleitet rasch ins Lächerliche ab. Zeigt doch etwa eine Handvoll Soldaten, dass sie, ohne sich anzusehen, gleichzeitig ein Gewehr umdrehen und mit dem Fuß aufstampfen kann.


Unermessliche Kunstschätze


Im Nationalen Palastmuseum ist der Besucher sicher wieder mit Ernst bei der Sache. Schade, wer zu wenig Zeit eingeplant hat. Findet sich hier doch die größte Sammlung chinesischer Kunstwerke, die die 5000-jährige Geschichte Chinas umspannt. Die meisten der 700.000 Objekte sind Teil der kaiserlichen Sammlung, mit der in der frühen Sung-Zeit vor mehr als 1000 Jahren begonnen worden war. Chiang Kai-Shek und seine Kuomintang entführten sie aus der Verbotenen Stadt in Peking. Aber vom Schatten ins Licht: Wer den Lauf der Geschichte kennt, sieht das positiv. Denn sonst wären die unermesslichen Schätze wohl der Kulturrevolution zum Opfer gefallen.






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