Am 8. Juni 1972 fotografierten Reporter die Opfer eines Napalm-Angriffs auf ein vietnamesisches Dorf. Nick Út war einer von ihnen. Clevere Bearbeitung machte sein Foto zur Weltsensation.


Es gibt kein Gesetz, wann ein Bild zur Ikone der Zeitgeschichte wird und wann nicht. Auch ein Fotograf kann das nicht steuern – es ist immer vom Zufall abhängig, vom Wohlwollen von Redakteuren und davon, ob eine Aufnahme eine gerade vorherrschende Stimmung trifft. Eine Bedingung allerdings wird gern vergessen: der Bildschnitt.


Die Aufnahme, die der vietnamesische Fotograf Nick Út am 8. Juni 1972 auf der Straße von Saigon nach Trang Bang machte, war an sich nicht ungewöhnlich für einen „eingebetteten“ Frontberichterstatter. An diesem Donnerstag waren viele Reporter die rund 30 Kilometer aus der südvietnamesischen Hauptstadt hergefahren, in die Nähe der Front zu den kommunistischen Truppen; die Hauptkampflinie lag etwa einen Kilometer außerhalb der Kleinstadt Trang Bang.


Zu dieser Zeit hatten die USA längst begonnen, den Vietnamkrieg zu „vietnamisieren“: Sie zogen ihre eigenen Einheiten zurück und überließen möglichst viele Kampfhandlungen den Verbänden Südvietnams. Deshalb waren am 8. Juni 1972 keine US-Soldaten bei Trang Bang im Einsatz, sondern Männer der 25. vietnamesischen Division. Die Amerikaner auf dem bekannten Bild waren ausschließlich Reporter und Kriegsfotografen, wie die beiden Kriegsreporter Peter Arnett (damals Associated Press, später CNN) und Fox Butterfield („New York Times“) bezeugten.


Doch der vorgesehene Angriff verlief nicht wie geplant. Gegen Mittag forderte deshalb der südvietnamesische Befehlshaber vor Ort ein Bombardement des Gegners zur Unterstützung seiner Soldaten im Bodenkampf an. Die Luftwaffe Südvietnams flog daraufhin eine Attacke – und traf mit mindestens fünf der abgeworfenen Napalmbomben eigene Stellungen um Trang Bang. Bei diesem „friendly fire“ wurden etliche südvietnamesische Soldaten verletzt.


Die Folgen waren aber noch schlimmer: Kaum dass sich die Rauchschwaden aufgelöst hatten, stolperten verletzte Zivilisten aus dem Dorf auf die Fotoreporter um Nick Út zu. Darunter war auch die damals neunjährige Kim Phúc, der flüssiger Brennstoff aus den Napalmkanistern Teile des Rückens verbrannt hatte. Ebenfalls verletzt waren mehrere Geschwister des Mädchens und seine Großmutter, die ein sterbendes Kind auf dem Arm hielt.


Der Fotograf selbst beschrieb die Szene, die sich seinen Reporterkollegen und ihm darbot, so: „Als wir uns der Siedlung näherten, sahen wir die ersten Leute rennen. Ich dachte nur ‚Oh Gott‘, als ich eine Frau sah, deren Beine vom Napalm schwer verbrannt waren. Dann kam eine Frau mit einem Baby, das starb, danach eine weitere Frau, die ein kleines Kind trug, dessen Haut in Fetzen herunterhing. Als ich ein Foto von ihr machte, hörte ich ein Kind schreien und sah das kleine Mädchen, das sich seine brennenden Kleider vom Leib riss.“


In Wirklichkeit aber machten die Reporter routiniert ihren Job: Sie fotografierten und filmten oder notierten Eindrücke für ihre Artikel. Auch Nick Út drückte mehrfach auf den Auslöser seiner Leica, bevor er sich um die verletzten Kinder kümmerte.


Gerhard Paul, Historiker an der Universität Flensburg und einer der weltweit führenden Experten für Visual History, also – vereinfacht ausgedrückt – der Erforschung von Fotos und ihrer Wirkung, urteilt: „Anders als Nick Út später immer behaupten wird, bilden gerade diese Aufnahmen weniger ,den Krieg an sich’ ab, sondern das Verhalten der Medienvertreter in Kriegen gegenüber seinen Opfern.“


Das Bild im Original, so wie es Nick Út auf ein Kleinbildnegativ bannte, war zudem zwar verstörend, aber noch nicht unbedingt dramatisch. Das wurde es erst durch einen überaus geschickten Bildschnitt, der das schreiende Mädchen in den Mittelpunkt rückte. Zudem wirkten die Napalm-Qualmwolken am Horizont so viel bedrohlicher, ebenso wie die Männer mit Stahlhelmen im Hintergrund – bei denen es sich aber eben nicht um amerikanische GIs handelte, sondern um Reporter und südvietnamesische Soldaten. Vor allem aber schnitt man den rechten Bildrand ab, auf dem der „Time Magazine“-Reporter David Burnett seelenruhig den Film seiner Kamera wechselte, während Kim Phúc mit schmerzverzerrtem Gesicht an ihm vorbeilief.


Schon am folgenden Tag druckten Zeitungen in den USA, aber auch in Deutschland die geschnittene und leicht retuschierte Version von Úts Foto. Damit begann die Karriere dieses Bildes, das schon im gerade beginnenden Wahlkampf um die US-Präsidentschaft zu einem Wahlplakat wurde – und bald darauf zum Symbol für die Grausamkeiten des Vietnamkrieges.


Die Aufnahme wurde als World Press Photo des Jahres 1972 ausgezeichnet und gewann im Jahr darauf den Pulitzer-Preis. Als „Napalm-Mädchen“ ist Úts Bild seither bekannt und in unzähligen Magazinen und Büchern abgedruckt, für Hunderte TV-Dokumentationen abgefilmt worden.


Allerdings wurde weder ein wenige Sekunden später geschossenes Bild des vietnamesischen Fotografen Hoang van Danh bekannt, auf dem Kim Phúc nicht mehr vor Schmerzen schrie, noch ein weiteres Bild, das die Reporter bei ihrer Arbeit auf der Straße nach Trang Bang am 8. Juni 1972 zeigt. Beide Aufnahmen hätten die Wirkung des „Napalm-Mädchens“ wohl reduziert.


Diese Einschränkungen schmälern nicht das persönliche Leid von Kim Phúc, ein ohne jeden Zweifel unschuldiges Opfer eines brutalen Stellvertreterkrieges. Man sollte aber vorsichtig sein, diese Bildikone als Symbol für den Vietnamkrieg insgesamt zu nutzen, ohne den Kontext zu beachten.


Nick Út, der nach dem Sieg des kommunistischen Nordens 1975 in die USA flüchtete und in Los Angeles als Fotograf für die Nachrichtenagentur Associated Press arbeitete, ist jetzt, fast 45 Jahre nach seinem berühmtesten Bild, in den Ruhestand gegangen.






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