Ängsten vor Firmenjägern zum Trotz: Ein Jahr nach der Übernahme eines chinesischen Unternehmens zieht der Müllverbrenner EEW eine positive Bilanz. Von einem Ausverkauf von Spitzentechnologien will EEW-Chef Kemper nichts wissen. Ganz im Gegenteil.


Sorgen? Wieso sollte er sich Sorgen machen? Während Deutschland, Frankreich und Italien strengere EU-Regeln fordern, um den Ausverkauf von Hightech-Firmen nach Fernost zu verhindern, bleibt Bernard Kemper, Chef des Müllverbrenners EEW Energy from Waste aus Helmstedt, gelassen. Vor gut einem Jahr wurde EEW von der chinesischen Holding Beijing Enterprises übernommen – für 1,438 Milliarden Euro. Kempers Fazit: Die Übernahme sei „ausgesprochen positiv, und zwar für alle Beteiligten“. Der EEW bescheinigt er enorme Aussichten, neue Märkte in Asien seien in Reichweite und neue Mitarbeiter würden gebraucht.


Kemper schränkt aber ein: „Wir sind kein Hochtechnologieunternehmen im Sinne eines Roboterherstellers.“ Damit spielt er auf die Übernahme des Roboterbauers Kuka durch den chinesischen Hausgerätehersteller Midea an. Aber die Kritiker sind weitgehend verstummt – jetzt rechnet sich Kuka mit seinem neuen Eigentümer große Wachstumschancen in China aus. „Wir wollen Nummer eins auf dem chinesischen Markt für Robotik werden“, sagte Kuka-Chef Till Reuter erst kürzlich.


Wie passt das zu den Befürchtungen eines Ausverkaufs? Im Fall der EEW-Übernahme gehe es um Markt- oder Techniksynergien, das sei nicht zu vergleichen mit anderen Zukäufen, wo sensibles Know-how abgezogen werden könnte, erklärt Kemper. Und: „Wir haben wieder einen strategischen Investor, strategische Investoren sind immer auf Langfristigkeit bedacht.“ Das sei auch für die Sicherheit der Arbeitsplätze entscheidend.


Investoren aus Fernost werden skeptisch betrachtet


Der Müllverbrenner beschäftigt mehr als 1000 Mitarbeiter, in der Zentrale und in den Anlagen seien 40 bis 50 Stellen hinzugekommen, sagt EEW-Betriebsratschef Reinhard Lehniger. Er räumt ein: „Wir hatten am Anfang Sorgen, aber das hat sich jetzt alles in Luft aufgelöst. Die Chinesen mischen sich nicht ins operative Geschäft ein, es herrscht Ruhe.“ Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes habe es sicher gegeben, aber die „ist jetzt weg“. Jörg Liebermann, Leiter des Bezirks Wolfenbüttel der Gewerkschaft IG BCE, bestätigt: „Damit sind die Arbeitsplätze sicher.“


Der Müllverbrenner hat bewegte Jahre hinter sich: Der schwedische Investor EQT übernahm die einstige Tochter des Energieriesen Eon 2012 mit knapper Mehrheit, 2015 dann ganz. Schließlich verkaufte EQT die Firma an die Chinesen. Das ist kein Zufall: Der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungskonzern EY untersucht chinesische Investitionsziele regelmäßig. Demnach war Deutschland im Jahr 2016 mit 68 Unternehmenskäufen für chinesische Investoren das attraktivste Land in Europa – deutlich vor Großbritannien (47).


Der spektakulärste Deal war die Kuka-Übernahme für knapp 4,7 Milliarden Euro. EY rechnet mit wachsendem Interesse: Auch Osram geriet ins Visier chinesischer Investoren. Das treibt auch die Politik um, vor allem in den drei großen Euro-Volkswirtschaften. Die Investoren aus Fernost werden zunehmend skeptisch betrachtet, weil die chinesische Regierung offiziell das Ziel verfolgt, weltweit die technologische Führung zu übernehmen. Und: China verfügt über gigantische Devisenreserven, zudem sind Staat und Wirtschaft eng verbandelt.


Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies betont aber: „Chinesische Investoren sind in Deutschland hoch willkommen und auch die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen werden immer wichtiger.“ Die EEW-Übernahme habe „sicher aufhorchen lassen“, räumt der SPD-Politiker ein. „Wie von uns erwartet, hat sich dadurch aber keinerlei negative Veränderung ergeben.“ Sondern Chancen, wie EEW-Chef Kemper sagt: „Es gibt einen unendlich großen Bedarf an neuen Müllverbrennungsanlagen in China.“ Neue Märkte will die Firma vor allem in Südostasien erobern.


Peking hat massive Umweltprobleme


EEW betreibt 16 Müllverbrennungsanlagen in Deutschland, eine in Luxemburg und eine in den Niederlanden. 2016 erreichte der Umsatz eine Größenordnung von rund 500 Millionen Euro, das Ergebnis sei „zufriedenstellend“, allerdings mussten zwei Anlagen im Rahmen der Transaktion abgegeben werden. 4,7 Millionen Tonnen Abfall wurden zu Energie gemacht und umweltschonend verwertet. Beijing Enterprise wiederum gehört der Stadtregierung Peking.


Das Unternehmen betreibt das Müllmanagement der Stadt und ist Wasser- und Gasversorger. Die chinesische Metropole hat massive Umweltprobleme – vor allem Smog. Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Chinesen? Die Strategiegespräche hätten im Sommer zu einer Investitionsentscheidung über 70 Millionen Euro geführt – zur Erweiterung einer Müllverbrennungsanlage in Holland.


Kemper: „Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man seit drei Monaten einen neuen Gesellschafter hat.“ Laut Gewerkschafter Liebermann ist die Kooperation mit China beim Bau dortiger neuer Müllverbrennungsanlagen noch etwas hakelig. Betriebsrat Lehniger ist aber sicher: Die Übernahme führt die EEW in ruhigeres Fahrwasser.






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