Von Lars Nicolaysen, dpa

Vor sechs Jahren verursachten ein Erdbeben und ein Tsunami einen Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima. Noch immer weiß niemand, wo genau sich der geschmolzene Brennstoff befindet. Trotzdem drängt der Staat immer mehr Anwohner zur Rückkehr. Kritiker warnen vor Risiken.


Die Kirschbäume haben sie stehen lassen. Als Japaner hänge man an ihnen, erzählt ein Mitarbeiter des japanischen Atomkonzerns Tepco lächelnd. Etwas bizarr ist dieser Hinweis auf die Bäume, während im Hintergrund die havarierten Reaktoren der Atomruine Fukushima Daiichi in den Himmel ragen. Sechs Jahre sind vergangen, seit an jenem 11. März 2011 ein schweres Erdbeben und ein gewaltiger Tsunami den Nordosten des Inselreiches heimsuchten. 18 500 Menschen starben damals in den Fluten. Zum Sinnbild der Katastrophe aber wurde der Gau im Atomkraftwerk Fukushima, auch wenn dadurch niemand direkt ums Leben kam. Noch heute lassen grotesk verbogene Stahlstreben und geborstene Betonplatten das Chaos erahnen, das hier damals herrschte.


Und doch hat sich in den vergangenen Jahren einiges hier getan. In erstaunlich großen Gebieten der Anlage brauchen die täglich 6000 hier arbeitenden Männer laut Tepco keine aufwendigen Schutzanzüge mit Vollgesichtsmaske mehr zu tragen, da die Strahlenwerte deutlich gesunken seien. Die Lage sei «stabil», wie es Manager Shunji Uchida ausdrückt. Doch die größten Herausforderungen stehen noch bevor:


ABKLINGBECKEN: Rund 1500 abgebrannte Brennstäbe liegen noch in den zerstörten Reaktoren 1, 2 und 3. Nächstes Jahr will Tepco mit der Bergung im Reaktor 3 beginnen. Bis 2022 sollen dann alle Brennstäbe aus den Meilern entfernt und an einem sichereren Ort gelagert werden.


GESCHMOLZENE BRENNSTÄBE: Noch immer weiß niemand genau, wo sich der geschmolzene Brennstoff befindet. Ein kürzlich in den Reaktor 2 geschickter skorpionförmige Roboter drang wegen Trümmern nicht so nahe zum Kern vor wie erhofft. Wegen der extremen Strahlung von bis zu 650 Sievert pro Stunde, bei der ein Mensch innerhalb weniger Minuten sterben würde, ging er kaputt.


Tepco muss wissen, wo sich der Brennstoff in jedem der drei Reaktoren befindet, um herauszufinden, was die beste und sicherste Methode ist, ihn herauszuholen. Obwohl der Robotereinsatz bislang nicht den erhofften Erfolg brachte, halten Tepco und die Regierung an ihrem Plan fest, in diesem Sommer die grundsätzliche Vorgehensweise zum Herausholen des Brennstoffs festzulegen und dann 2021 anzufangen.


Doch trotz dieser und anderer großer Probleme wie der Entsorgung der riesigen Mengen an verstrahltem Wasser sollen nach dem Willen der Regierung die früheren Bewohner einiger umliegender Gebiete zurückkehren. Durch die großflächigen Dekontaminierungsarbeiten der vergangenen Jahre sei es angeblich wieder sicher, dort zu leben.


Der Staat und Tepco wollten auf diese Weise die hohen Entschädigungen an die Betroffenen einsparen, beklagen Kritiker. «Die japanische Regierung verrät die Opfer der Katastrophe und stellt Konzerninteressen über das Wohl der Menschen», beklagt Susanne Neubronner, Atomexpertin bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace.


So ist laut Greenpeace die von ihr in umliegenden Wäldern der Gemeinde Iitate gemessene Strahlung vergleichbar mit dem derzeitigen Strahlenniveau innerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl. Trotzdem solle die Evakuierungsverfügung für einen Großteil von Iitate zum 31. März aufgehoben werden. Ein Jahr später fallen die Kompensationszahlungen für die ehemals 6000 Bewohner weg. Zuvor war auch schon die Sperrung anderer Gemeinden aufgehoben worden.


Noch in diesem Monat wird zudem denjenigen, die «freiwillig» aus Gebieten flohen, die nicht zur Evakuierungszone erklärt worden waren, die Wohnzuschüsse gestrichen. Das trifft vor allem viele Frauen mit Kindern. Sie seien «Opfer der staatlichen Atompolitik», beklagt eine der betroffenen Mütter. Sie hätten auch angesichts von Berichten über zunehmende Fälle von Schilddrüsenkrebs unter Kindern weiterhin Angst.


Bislang sind denn auch nur wenige frühere Anwohner bereit, der Aufforderung des Staates zu folgen. Gerade mal gut zehn Prozent der wegen des Gaus evakuierten Menschen aus fünf Gemeinden der Präfektur Fukushima sind inzwischen in ihre früheren Häuser zurückgekehrt.






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