Nach der Diktatur kommt die Aufarbeitung: Opfer und Täter benennen, Akten freigeben – Taiwan steckt mitten drin in diesem Prozess zum „228-Massaker“ von 1947. Zum 70. Jahrestag sagt Taiwans Präsidentin, die Deutschen hätten bei ihrer eigenen Geschichte vieles richtig gemacht.


Es begann mit tödlichen Schüssen auf Unbewaffnete, führte zur blutigen Niederschlagung eines Volksaufstands und mündete in vier Jahrzehnten Ein-Parteien-Diktatur, die noch immer nicht wirklich aufgearbeitet sind. Taiwan, heute eine asiatische Vorzeige-Demokratie, war bis weit in die achtziger Jahre ein per Kriegsrecht regierter Polizeistaat. Zum 70. Jahrestag eines historischen Traumas fällt immer wieder das deutsche Wort „Vergangenheitsbewältigung“. Der Umgang Deutschlands mit der Nazi- und DDR-Diktatur gilt als vorbildlich.


„Taiwan kann von Deutschland lernen“


„Ich möchte mehr Austausch mit Deutschland, damit Taiwan historisches Unrecht wieder gutmachen und auf Versöhnung und Einheit hinarbeiten kann“, sagte Präsidentin Tsai Ing-wen Mitte Februar bei einer Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag. Bereits jetzt finden regelmäßig Tagungen mit deutschen Juristen und Menschenrechtsexperten statt. „Als ein Land mit seiner eigenen Geschichte von Menschenrechtsverletzungen kann Taiwan viel lernen von Deutschlands Mut, sich seiner Geschichte zu stellen“, sagt Tsai.


„Transitional Justice“ nennt sie ihr Konzept. Tsai ist Mitglied einer Partei, die einst von Gegnern des nationalchinesischen Regimes auf Taiwan gegründet wurde. Sie ist seit Mai im Amt, zum ersten Mal nimmt sie als Präsidentin an der zentralen Gedenkveranstaltung zum „228-Massaker“ teil.


Niederschlagung des Volksaufstands 1947


Die Zahl steht für ein Datum, den 28. Februar. An diesem Tag im Jahr 1947 begann in Taiwan ein Volksaufstand gegen Misswirtschaft und Korruption. Soldaten feuerten mit Maschinengewehren auf Demonstranten. Durch Misswirtschaft und Ausbeutung hatte die nationalchinesische Verwaltung weniger als zwei Jahre nach ihrer Übernahme Taiwans die einheimische Bevölkerung gegen sich aufgebracht. Deren Zorn richtete sich nun gegen die Staatsgewalt und auch gegen Zivilisten unter den „Festländern“.


Die inselweite Bewegung für politische Mitsprache endete nach wenigen Wochen in einem Blutbad. Der nationalchinesische Machthaber Chiang Kai-shek schickte Truppen vom Festland, die den Widerstandsgeist für lange Zeit brachen. Sie massakrierten wohl mehr als 20.000 Menschen, darunter viele Anwälte, Studenten und Akademiker. Eine Generation der taiwanischen Elite wurde nahezu ausgelöscht. Als sich Chiang Kai-shek zwei Jahre später mit seiner ganzen Armee und dem Staatsapparat auf die Insel zurückzog, herrschte dort Friedhofsruhe.


Erst die nächste Generation bricht das Schweigen


„Wir wuchsen in einer Zeit des Schweigens auf“, erinnert sich Wang Yu-juin ans Taiwan des Kalten Krieges. „Meine Eltern hatten 1947 viele Leichen auf den Straßen liegen sehen. Aber sie redeten nie mit uns darüber.“ Als die Physikerin bereits in Amerika studierte, erfuhr sie von Bekannten, dass ihr eigener Vater zehn Jahre lang als politischer Gefangener im Gefängnis gesessen hatte. Erst ihre Generation wagte es wieder, auf die Straße zu gehen – mit Erfolg. Sie erlebte Taiwans rasante Demokratisierung in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren und hörte 1995 die erste offizielle Entschuldigung eines Präsidenten für das „228-Massaker“. Opfer erhielten Entschädigungen und konnten endlich frei über ihr Schicksal sprechen, der 28. Februar wurde ein nationaler Gedenktag.


Doch die Aufarbeitung der Diktatur ging nicht weit genug, sagt Wang. So gut wie nie wurden Täter benannt oder bestraft. „Die wichtigen Akten sind noch immer unter Verschluss. Wir brauchen Transparenz, damit die junge Generation sich ein eigenes Urteil dazu bilden kann, was passiert ist. Und Täter müssten sich öffentlich verantworten. Nur so gibt es Versöhnung.“ Präsidentin Tsai teilte kürzlich mit, alle Akten zu „228“ würden so bald wie möglich digitalisiert und freigegeben.


Junge Taiwaner erwarten Erklärungen


Die deutschen Erfahrungen der Vergangenheitsbewältigung teilt Wang, die lange in Deutschland lebte, nun in Taiwan. Sie hält Vorträge, zeigt Filme und diskutiert mit ihren Studenten. „Sie sagen: Wenn Deutschland das geschafft hat, können wir das auch. Sie haben höhere Ansprüche und erwarten mehr Erklärungen.“


In Taiwans Kinos laufen immer wieder deutsche Spielfilme und Dokumentationen zur historischen Themen, etwa über Hannah Arendt und Fritz Bauer, der als Staatsanwalt die Auschwitzprozesse ermöglichte. Die fanden erst in den sechziger Jahren statt, viele Täter blieben also lange unbehelligt. Das sei normal, sagt Wang, ob in Deutschland oder Taiwan: „Auf der ersten Generation lastet immer das historische Trauma, das Leid der Opfer und die Schuld der Täter. Erst die Nachkommen können unbelastet über ihre eigene Familiengeschichte sprechen, kritische Fragen stellen und Aufklärung verlangen.“






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